Gastautoren

Carnivore


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Sind Sie Herr XYZ?

Gestern Nachmittag. Ich war mal wieder auf dem Sofa vor dem Fernseher eingeschlafen klingelt es an meiner Tür. Mehrmals. Erst zaghaft, dann doch recht aufdringlich. Da ich noch einen Kumpel erwartet hatte springe ich auf und renne völlig verpennt zur Tür. Im Treppenhaus steht bereits eine dicke Frau. (Ist schon toll dass meine Nachbarn nie, und ich meine NIE, die Haustür zu machen...) Mit halb geöffneten Augen stolpere ich die Treppe hoch.

"Sind sie Herr XYZ?"

"Nein, der wohnt oben!"

"Hat der eine schwarze Katze?"

"Ja, das stimmt!"

Das hätte ich nicht sagen dürfen, denn was dann folgte war ein Redeschwall ungeahnten Ausmaßes:

"Hören Sie, das geht so nicht. Das Tier ist seit zwei Wochen bei uns. Und es ist voller Zecken. Eine am Kopf. Die müssen entfernt werden. Ich mach das nicht. Wir haben selber vier Katzen. Und mein Sohn hat auch vier. Zwei eigene und zwei Wilde. Und er kann einfach nicht noch mehr aufnehmen. Dann bring ich das Tier zum Tierarzt. Das soll der dann machen. Und die schläft schon so lange bei uns. Jetzt reicht es aber mal. Das kostet ja auch alles Geld..."

Ich sehe in dem Moment sicherlich nicht sonderlich attraktiv aus. Ein kräftiger Kerl mit zerzaustem Haar in labberiger Jogginghose, den dicken Bierbauch in ein altes weißes T-Shirt gequetscht unter dem die Fragmente einer inzwischen fast entfernten Tätowierung hervorblinzeln. Dazu eine zerknitterte Visage und offensichtlich jede Menge Mühe am frühen Nachmittag die Augen aufzuhalten. (Mir würde so jemand Angst machen...) So fuchtel ich also wild mit den Armen vor ihr herum ihrem Gesabbel Einhalt zu gebieten.

"Hören Sie, Sie reden mit der völlig falschen Person. Haben sie eine Telefonnummer oder Adresse, die ich meinen Nachbarn hinterlassen kann?"

"Ja, ich wohne da hinten." (Zeigt über den Garten gegenüber der Straße hinweg.)

"Da hinten nützt mir nichts. Geben sie mir ihre Telefonnummer, ich richte es aus."

"Ja, die Katze ist schon seit zwei Wochen bei uns. Wir haben schon vier. Mein Sohn hat auch vier. Der hat schon zwei Wilde aufgenommen, wissen sie? Mehr kann der nun wirklich nicht aufnehmen. Und das Tier ist voller Zecken. Da muß man doch was machen. Eine hier (deutet auf ihre Stirn). Ich bring die Katze sonst zum Tierarzt. Dann müssen Sie (ICH?!) sehen wie sie die Rechnung begleichen. Ich schau mir das nicht mehr länger an. Wir haben ja selber vier Katzen..."

So langsam werde ich sauer. Ich steh da schlaftrunken und schwindelig im Treppenhaus und irgendso eine bescheuerte Tussi rafft es nicht.

"Das ist nicht meine Katze!" sage ich barsch. "Geben sie mir ihre Telefonnummer, ich richte es aus."

"Ja, ich wohne da hinten..."

Ich fange an zu lachen. "Hören sie, da HINTEN nützt mir Ü-BER-HAUPT NIX. Ich brauche eine Adresse!"

"Wir haben schon so viele Katzen..." fängt sie wieder an und mir langt es endgültig!

"So, jetzt fliegt die Alte raus", denke ich so bei mir. In meinem müden Hirn drehen sich die Gedanken, wie ich sie durch die Tür schiebe und wo man wohl die Klingel bei mir abstellen kann. Als ich die Treppe zwei weitere Schritte weiter nach oben auf sie zu gehe, sehe ich durch den Türspalt wie ein anderer Nachbar auf die Haustür zugeht.

"Fragen sie den mal!" sage ich und lauf zurück in meine Wohnung. Noch auf dem Weg kann ich sie sagen hören: "Sind sie Herr XYZ?"

"Nein..."




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