Gastautoren

Fred Lang


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Bekehrung eines Stehpinklers



Hermann L. hatte 61 Jahre lang auch nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht, dass etwas plötzlich nicht mehr so einfach und selbstverständlich laufen würde, wie er es bisher gewohnt war.

So ganz nebenbei konnte es in letzter Zeit allerdings schon mal passieren, dass der eine oder andere Tropfen sozusagen "verloren" ging und auch die Meisterschaft früherer Jahre in bezug auf Intensität und absolute Treffsicherheit wurde nur noch selten erreicht.

Bei diesen traurigen Anlässen dachte er voller Wehmut an die kindlichen "Doktorspiele" zurück, in deren Verlauf alle daran beteiligten Jungen bis auf eine Ausnahme (Phimose im postoperativen Stadium) den Mädchen in der sportlich durchgeführten Disziplin des so genannten "Weit- und Zielstrullens" deutlich überlegen waren.

Dies führte dann oft zum sofortigen Abbruch der im übrigen hoch interessanten Übungen, da die Verliererinnen durch diese häufigen Niederlagen sehr frustriert waren und jegliches Interesse an noch weitergehenden Forschungen bzw. mehr allgemeinen Untersuchungen verloren hatten. An dieser Stelle soll auch kurz auf die in jüngerer Zeit allerdings heftig umstrittene "Penisneid-Theorie" von Altmeister S. Freud hingewiesen werden, wonach Frauen zumindest zeitweise den Männern ihr primäres Geschlechtsorgan nicht gönnen und es lieber selbst hätten.

Auch in späteren Jahren hatte das Bild eines aufrecht stehenden und versonnen vor sich hin strullenden Mannes für L. eine gewisse Faszination. Vor allem dann, wenn der bernsteinfarbene Strahl in einem langen und schönen Bogen genau in das vorgesehene Ziel traf. Dies alles vermittelte ihm ein Gefühl großer Gelassenheit, ja sogar einer gewissen Souveränität im Umgang mit der normalerweise eher banalen Verrichtung.

Besonders schöne Erinnerungen hatte er an die nicht gerade seltenen Gelegenheiten, wenn er diesem dringenden Bedürfnis in der weiten und freien Natur freien Lauf lassen konnte. Vielleicht spielten hierbei auch gewisse Urinstinkte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gehört doch im Reich der Säugetiere die Markierung des eigenen Herrschafts- und Einflussbereiches zu den vordringlichsten und wichtigsten Verhaltensweisen des Männchens. Vollends erhärtet wird diese Ansicht durch das im Verlaufe dieses Rituals geradezu automatische Aufsuchen eines Baumes, der einerseits als markanter Duftträger dient, andererseits zusätzlich aber auch einen gewissen Schutz vor eventuellen Angriffen ehemaliger und somit besonders eifersüchtiger Revierinhaber bietet. Schließlich befindet man(n) sich doch in einer vergleichsweise wehrlosen Position, die zu einem heimtückischen Überfall ermutigen könnte.Es soll auch schon Bisse tollwütiger Füchse gegeben haben.

An diesem denkwürdigen Abend des 13. November, im letzten Jahr des zu Ende gehenden Jahrhunderts, war es plötzlich so weit. Nach dem Genuss zweier gut gekühlter Biere blieb die bisher immer als ganz selbstverständlich empfundene, zeitlich versetzte spontane "Erleichterung" aus und führte nach anfänglicher Verblüffung über die ungewöhnliche Situation zu einer unbestimmten Furcht, die sich im Laufe der folgenden Stunden zu einer regelrechten Panik entwickelte.

Eine erste fernmündlich abgegebene ärztliche Diagnose war schnell gestellt: Akute Harnverhaltung bei vorhandenem Prostataadenom in schon fortgeschrittenem Stadium!

Eine eilig vorgenommene "normale" Katheterisierung brachte nur kurzen Erfolg und musste bald durch eine so genannte "Ballon-Katheterisierung" ersetzt werden. Hierbei wird ein Plastikschlauch durch die untere Bauchwand auf direktem Weg in die Harnblase gelegt. Dort verhindert ein kleiner Ballon das versehentliche Herausrutschen der neuen Leitung. Am sichtbaren anderen Ende des Schlauches befindet sich ein Ventil, das wie ein ganz normaler Wasserhahn betätigt werden kann. Über einen Adapter können verschiedene Beutel angeschlossen werden. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen was der so bedauernswerte Mann nach all diesen Manipulationen fühlte und die Ahnung, dass er sich zu diesem Zeitpunkt erst ganz am Anfang seiner Leidenszeit befinden würde, machte die Sache nicht besser.

Nach langwierigen Tests und zermürbendem Warten auf "negative" oder schlimmer noch "positive" Untersuchungsergebnisse, fand sich der Patient nach einer ihm unendlich erscheinenden Wartezeit mit dem so aussagekräftigen Befund:

Es sei alles im "grauen Bereich", ziemlich allein gelassen auf der Station Uro 1 im vierten Stock eines Krankenhauses wieder. In der Schilderung aller Maßnahmen fortzufahren, die nun dringend geboten erschienen und letztlich zur wundersamen Bekehrung des Hermann L. von einem bisher so standhaften Saulus zu einem künftig sitzenden Paulus führten, würde das vielleicht jetzt noch vorhandene Mitgefühl eines bisher geduldigen Lesers zu sehr strapazieren.

Daher werden die im übrigen uninteressanten Details einer teilweisen Resektion der Prostata inklusive einer allerdings alle Beteiligten sehr überraschenden nachfolgenden Übernachtung auf der Intensivstation nicht näher beschrieben. Zumal der Betroffene verständlicherweise nur über sehr verschwommene und mehr in den Bereich der Träume gehörende Erinnerungen verfügt.

Viel aufregender und interessanter gestalteten sich die nachfolgenden Tage und Nächte. Vergleichbar mit einem Fegefeuer, das zwischen Himmel und Hölle doch immer die Hoffnung bereithält.

Auf den ersten und vermutlich auch auf den zweiten Blick unterscheidet ein Uroflow - von den Schwestern und Pflegern liebevoll "Flowchen" genannt - sich in nichts von einer normalen Toilette.

Kurz gesagt handelt es sich darum, durch eine Messung der in einer bestimmten Zeit geflossenen Harnmenge und seiner Intensität, einen genauen Aufschluss in Form einer grafischen Kurve zu bekommen. Hierbei müssen vorgegebene Standards erreicht und über mehrere Tage eingehalten werden. Außerdem wird anschließend die nicht abtransportierte Restharnmenge erfaßt. Auch sie darf einen ganz bestimmten Wert nicht übersteigen.

All dies ist hervorragend geeignet, den Delinquenten in die furchtbaren Abgründe der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu stürzen und das erfolgreiche Überwinden der letzten und alles entscheidenden Hürde zu verhindern, da ein mehrmaliges Versagen eine erneute Operation zur unausweichlichen Folge gehabt hätte!

Am äußeren Uroflow fällt zunächst auf, dass gelegentlich ein nicht zu übersehender flackernder roter Schriftzug das Betreten verbietet. Bisher hatte der Genesende aber weder die Veranlassung, noch ein größeres Interesse daran, nähere Erkundigungen über Sinn und Zweck dieses Ortes einzuziehen.

Dies änderte sich allerdings schlagartig, als bei einer ärztlichen Visite ganz beiläufig ein Besuch desselben gewünscht und auf dessen enorme, ja geradezu fundamentale Bedeutung hingewiesen wurde.

Etwas irritierend war der gemurmelte Hinweis, unbedingt mit voller Blase, gleichzeitig aber auch völlig entspannt, auf ganz natürlichem und direktem Wege eine erste "Funktionsprüfung" zu ermöglichen. Hat man den Raum erst einmal betreten, vermittelt ein nicht näher zu lokalisierendes Summen, verbunden mit einem schmatzenden zeitweise auch gurgelnden Geräusch, eine irritierende und irgendwie bedrückende Atmosphäre.

Erste Panik kommt auf, wenn man feststellt, dass sich die Tür nicht schließen lässt. Schon so mancher arme Teufel hat dort einen völlig unerwarteten Kreislaufkollaps bekommen. Bedingt durch den enormen Stress, eine unter Umständen wochenlang blockierte Leitung wieder in Betrieb zu setzen, ist das Gehirn offenbar nicht fähig sich da völlig rauszuhalten und einfach laufen zu lassen, was laufen soll. In diesem Fall ertönt ein Alarmton und das routinierte Pflegepersonal entfernt den Unglücklichen und gelegentlich auch die aus anderen Körperöffnungen unwillkürlich ausgetretenen Abfallprodukte. Gebieterisch fordert ausserdem ein unübersehbarer Text dazu auf, den alles entscheidenden Vorgang ausschließlich in sitzender Haltung zu absolvieren. Zu diesem Zweck gibt es die bekannte Klobrille. Wer aber jetzt darunter das vertraute Becken erwartet, wird enttäuscht.

Vielmehr lauert ein überdimensionierter Trichter leise vibrierend auf ein messbares Ergebnis. Ein mit ihm verbundener ungewöhnlich dicker Schlauch verläuft in einigen Kringeln nach unten und verschwindet dann im Fußboden. Wer jetzt noch einigermaßen entspannt Platz genommen hat, der verfügt wahrlich über starke Nerven. Der Erwartungsdruck auf den Delinquenten ist ungeheuer und führt erfahrungsgemäß beim ersten Mal bei fast allen Probanden zu einem so genannten "kontrollierten Abbruch".

So auch bei unserem Herrn L., der ganz geknickt und übrigens im wahrsten Sinn des Wortes "am Boden zerstört" große Mühe hatte, seine Enttäuschung nach der allerdings erfolgreich verlaufenen Reanimation zu überwinden.

Im Laufe der nächsten Stunden wurde der wiederholte Besuch des "Flowchens" zum Albtraum und an eine entspannte Sitzung war nicht mehr zu denken. Hinzu kam eine in ihrer Tragikomik kaum zu überbietende Szenerie.

Eine schier endlose Prozession alter Männer, die meisten mit ihren Urinbeutelchen fest verbunden, die sich wiederum nur durch den Farbton ihres Inhaltes unterschieden und dadurch dem Kundigen sofortigen Aufschluß über den genauen Zeitpunkt der bereits erfolgten Operation vermittelten, trippelte oder schlich in den mit allerlei medizinischem Gerät vollgestopften Gängen und Fluren.

Es gab die Schamhaften, die ihren treuen und wichtigen Begleiter unter dem obligatorischen Bademantel versteckt hatten, und da waren die Stolzen, deren ganz offen getragener Beutel-Inhalt schon fast wieder in normalen Farben schimmerte und die allerdings noch nicht ahnten, was in den nächsten Tagen für ein furchtbares Horror- Szenario auf sie zukommen würde.Vereinzelt irrten auch ganz normale Besucher umher, die beim Anblick einiger besonders roter Beutel (kürzlich erfolgte OP!) schaudernd die Augen niederschlugen und mit eiligen Schritten dem rettenden Ausgang zustrebten, wo sie sich dann schnell im allgemeinen Gewimmel verloren. Alle Zurückgebliebenen aber blickten verstohlen und voller Neid auf die vermeintlich Glücklichen, die ohne "Zubehör" lässig umherschlenderten, um dann wie zufällig nacheinander hinter der unheilschwangeren Tür des Uroflows zu verschwinden.

Seit einiger Zeit war der einzige Stuhl gegenüber "Flowchen" fast ständig besetzt und Herr L. musterte mit einem leidvoll erworbenen Kennerblick die Heraustretenden, beziehungsweise die hinaus Getragenen. Letztere erregten verständlicherweise sein besonderes Mitgefühl und seine Anteilnahme.

Vielleicht hatte aber auch das Gefühl etwas sehr Tröstendes, diesem seelenlosen Ungeheuer nicht allein ausgeliefert zu sein. Nachdenklich saß er auf seinem Platz und allmählich reifte in den folgenden Stunden ein zunächst noch unbestimmter Gedanke zu einem wahrhaft genialen Plan, der nur noch getestet und dann zu gegebener Zeit ausgeführt werden mußte.

Es ist ruhig auf der Station Uro 1 um 05.27 Uhr und Nachtschwester Bärbel hat gerade ihren letzten Kontrollgang beendet. Gleich wird sie ihren abschließenden Bericht in der "Teeküche" bei gedämpfter Musik und dem Genuß einer starken Tasse Kaffee zu Ende schreiben. Am Ende des langen Flures wird vorsichtig die Tür von Nr. 4035 langsam geöffnet und ein Mann, angetan mit einem hier um diese Zeit üblichen kurzen Hemdchen, tritt vorsichtig heraus und eilt mit schnellen hier ganz und gar unüblichen, Schritten zum Ort seiner schon fast traumatischen Niederlagen. Energisch, voll finsterer Gedanken, betritt er den Vorhof zur Hölle. In der etwas zitternden rechten Hand hält er eine halbvolle Flasche. Ihr Inhalt besteht aus eigener Produktion und ist so klar wie geschliffener Bernstein Er soll, so ist es geplant, unter exakter Berücksichtigung ganz bestimmter Intervalle von unterschiedlicher Dauer und Quantität in den heimtückisch vibrierenden Schlund des Ungeheuers geschüttet werden, um dadurch ein ideales Ergebnis zu simulieren. Doch plötzlich überkommt ihn mit Urgewalt ein unwiderstehlicher Drang, sich ganz entspannt hinzusetzen und den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen.

Später wundert sich die Frühschicht über eine offensichtlich nur zur Hälfte ausgetrunkene Flasche. Sie steht ganz allein auf dem Boden und sieht aus, als könne sie kein Wässerchen trüben.


Fred Lang 2003

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