Gastautoren

Laja Charon


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Hamburg bei Nacht | Foto © Andreas Vallbracht  www.prachtvoll.de


Hamburg


Nachts, wenn sich der Himmel rotgolden über die Stadt legt
und der feine Regen lautlos in die dunklen Pfützen fällt,
dann steige ich hinauf zum alten kühlen Dachboden.
Öffne die Luke zwischen dem Gebälk und werde eins mit den Wolken,
schwebend, leicht.

Ich reise.

Über die Dächer des Nordens an der Alster entlang,
über die schon Schlafenden und die noch Wachenden,
über Freude und Leid und über Lust und Liebe
über die Vergessenen und die Einsamen am Rande,
und über Gedanken und Träume der Nacht.

Ich fliege.

Der Mondschein tummelt sich tanzend auf dem Wasser, Enten drängeln
sich schnatternd am Ufer zusammen und drüben im Stadtpark da singt
die Nachtigall ihr einsames Lied. Ein streunender Hund zottelt pitschenass
seines Weges und weiht ganz auf seine Weise die Laterne am
Straßenrand ein.

Ich schwebe.

Eine U-Bahn zerreißt mit grellem Licht gnadenlos die Stille, hinter hellen
Fenstern sitzen müde Gesichter, gedankenversunken an die kalten
Scheiben gepresst. Sie fliehen dahin, wie Träume. Ein Zeitungsblatt
wirbelt im Sog der Bahn auf die nun leeren Gleise,
das Titelfoto vor wenigen Stunden noch aktuell, ist vergessen.

Ich tanze.

Hinter den dunklen Bäumen, ein Lichtermeer der schönsten Farben.
Eine Meile der Liebe, der Lust und der Freude, dahinter der Hafen
funkelnd und schön. Die Schiffe sie schlafen und träumen vom Meer.
Lautloser Wellenschlag am Ufer der Elbe, der nachtkalte Sand ist
menschenleer. Ein Seemannslied verklingt leise in meinem Ohr.

Ich schlafe.



Veröffentlicht 2006 in der Anthology Seelenfarben



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