Gastautoren

Tatyana


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Sechs Uhr

Sechs Uhr morgens


Morgens Sechs Uhr, der Wecker klingelt.

Entschlossen, den Lärm zu ignorieren, dreht sie sich noch mal um, da erhebt neben ihr auf dem Kopfkissen der Alltag sein häßliches Haupt. "Guten Morgen, auch schon wach? Gut geschlafen? Nein, natürlich nicht. Bist wohl jetzt müde, was? Aber ich fürchte, da mußt du durch, ich werde dir keine Zeit lassen, dich noch mal einzukuscheln."

"Ach, geh doch weg. Was willst du überhaupt von mir? Noch fünf Minuten Ausruhen werden doch wohl erlaubt sein."

"Klar, erlaubt ist alles. Aber du weißt ganz genau, daß ich dann auch nicht einfacher werde, denn die Fünf Minuten werden dir früher oder später fehlen. Also stelle dich mir doch lieber gleich."

"Ich mag aber nicht. Jeden Tag immer das Gleiche. Könntest du dich nicht wenigstens zwischendurch ein ganz klein wenig ändern, damit das Leben etwas interessanter wird? Und damit meine ich interessanter, nicht schwieriger, manchmal hast du so eine Art an dir, die fast schon sadistisch ist; wie wäre es mal mit ein paar positiven Zwischenfällen, nicht welchen, die einem immer nur noch mehr abverlangen?"

"Tut mir leid, das geht nicht. Mein Vertrag läuft schon seit ein paar Tausend Jahren, und wenn sich auch ein paar Feinheiten angepaßt haben mögen, die Grundbedingungen sind die Gleichen geblieben. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder seinen Alltag selbst bestimmen könnte, wir würden im Chaos versinken. Auf einmal gäbe es unzählige Varianten, so viele, wie Individuen,."

"Aber ist das denn nicht sowieso der Fall? Bei jedem sieht doch der Alltag etwas anders aus?"

"Das schon, aber das Grundmuster ist überall das Gleiche. Letztlich geht es um Überleben und weitermachen, essen, schlafen, Kinder großziehen,.keine Überraschungen eigentlich. Und außerdem versuchst du nur, Zeit zu schinden."

"Mag ja sein. Aber ist es denn ein Wunder? Wie wäre es, wenn du dir eine kleine Auszeit nimmst, so ein paar Wochen vielleicht? Wie wäre es? Wolltest du nicht schon lange mal Urlaub machen?"

"Willst mich loswerden, was? Aber so leicht geht das nicht. Ich bin immer und überall, verfolge dich noch bis in deine Träume. So lange du lebst, wirst du von mir nicht loskommen. Aber ich kann dir etwas anbieten. Fange den Tag mit einem Lächeln an und ich werde dich nicht ganz so hart bedrängen."

Morgens Sechs Uhr, der Wecker klingelt. Sie wacht auf, lächelt, .und rutscht auf dem Bettvorleger aus, höllische Schmerzen durchrasen ihr Bein, eine halbe Stunde später ist sie auf dem Weg ins Krankenhaus.neben ihr auf dem Kopfkissen erhebt der Alltag sein häßliches Haupt.

12.03.2005 - Tatyana



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