Gastautoren

Tatyana


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Willi der Besserwisser


Willi Colden war ein Freak, ein unerträglicher Besserwisser. Sein Tod hatte an dieser Tatsache nicht viel geändert. Und ich frage Sie, wenn der eigene Tod einen Menschen nicht zu ändern vermag, was dann?

Aber Willi war halt so, war immer so gewesen. Selbst als sämtliche Monitore des Krankenhauses, in dem er in seinem Dreiundvierzigsten Lebensjahr an Herzversagen gestorben war, verkündeten, er habe weder Herzschlag noch Gehirnaktivität mehr, als alle Meßgeräte dieser Welt keinen Blutdruck mehr feststellen konnten und sich seine Körpertemperatur immer mehr der Raumtemperatur anglich, selbst dann saß er aufrecht in seinem Krankenhausbett und behauptete(zum wiederholten Male, langsam begann er zu nerven), er sei nicht tot, dies sei alles bloß ein Versehen.

Nun, wer will das schon von jemandem hören, dessen Totenschein er soeben ausgefüllt und unterzeichnet hat? Willis behandelnder Arzt jedenfalls nicht. Schließlich hieße das, allen möglichen Papierkram zu ändern und Überstunden, die hatte er wahrlich schon genug gemacht. Irgendwann wollte er zu seiner Frau und ein normales Leben führen ... so normal, wie es einem Arzt eben möglich sein konnte, der soeben einen für tot erklärten Patienten dasitzen hatte, der voller Geduld aber langsam steigender Lautstärke erklärte, gar nicht tot zu sein und nach Hause gehen zu wollen. Und das auf jeden Fall, ehe irgendwelche Möchtegernerben anfingen, seine Wohnung Stück für Stück auseinanderzunehmen, um sich die besten Stücke zu sichern, ehe der Notar in offiziellem Auftrag anrückte, dankeschön. Es schere ihn einen Dreck, ob er tot sei, schließlich sei er quietschlebendig, die technischen Details interessierten ihn da wenig. Und die Überstunden des diensthabenden Arztes noch weniger.

Wille war also ein Besserwisser, einer von der schlimmsten Sorte. Und das bereitete besagtem Arzt allmählich zunehmende Kopfschmerzen. Tote blieben normalerweise brav liegen, bis die Krankenschwester sich um alles weitere kümmerte, während der Arzt sich selbst in seinen wohlverdienten Feierabend entließ. Doch dieser hier weigerte sich einfach Was sollte er bloß mit ihm tun? Ihn in die Psychiatrie überweisen? Das schien ihm geeignet. Vielleicht war Willi ja einfach eine gespaltene Persönlichkeit, von denen einer auf mysteriöse Weise die Beendigung des Körperlichen Daseins entgangen war? Schusselige, vergeßliche Menschen gab es zuhauf, mit denen hatte er Tag für Tag zu tun und arbeitete mit einigen von ihnen eng zusammen. Das hieß nicht, daß sie schlechte Menschen waren, nur eben vergeßlich und schludrig. Nicht, daß er persönlich so was mochte, aber er hatte es zu tolerieren gelernt. Willi indes wurde weniger und weniger tolerierbar, seine Lautstärke war mittlerweile so angestiegen, sein Wille, nach Hause zu gehen so vehement, daß die Krankenschwestern gezwungen gewesen waren, den Sicherheitsdienst zu alarmieren, um ihn am Bett fixieren zu können. Willi war hartnäckig und zwar kein sehr sportlicher Mann, aber eben doch einigermaßen kräftig und bis auf eben diesen leidigen Herzinfarkt, der sein Leben beendet hatte, soweit eigentlich immer gesund gewesen. Das war also ein Problem. Und was, wenn er Willi in psychiatrische Behandlung überwies, und dessen Krankenversicherung weigerte sich dann, die Kosten für einen Toten zu übernehmen? Womöglich blieb er dann auf der Rechnung sitzen. Seine Frau würde ihm etwas anderes erzählen ...

Ein Priester vielleicht. Ein Priester müßte sich doch eigentlich mit solchen Dingen auskennen. Leben und Tod, Tod und Leben, Wiederauferstehung (dabei schien es sich ihm hier zu handeln, oder doch zumindest nahe genug dran), das war doch die Domäne der Kirche. Irgendeiner Kirche, er war da nicht wählerisch, wenn sie ihn nur von Willi befreite, der sich mittlerweile darauf verlegt hatte, er habe Hunger, schließlich werde er hier nun schon seit etlichen Stunden festgehalten, ob er sich wenigstens eine Pizza liefern lassen könne. Pizza, ausgerechnet! Hatte der Mann keine anderen Sorgen im Leben, äh, im Tod, als ausgerechnet Pizza? Schließlich ging es hier ganz entscheidend um seine Zukunft. Worauf Willi, ganz Besserwisser, ganz logisch entgegenete, was es ihm denn wohl brächte, tot lebendig zu sein, wenn er sich nicht mal so etwas Simples wie eine Pizza leisten könne, wenn ihm danach zumute sei.

Ein Priester mußte her, und zwar schnell! Doch irgendwie ... der erste, den er anrief, unterbrach die Verbindung, bevor er halbwegs durch die Schilderung des Problems war, bei den nächsten erging es ihm nicht viel besser. Einer murmelte etwas, daß Aprilscherze, und dazu noch solch verspätete, bei Angehörigen des Klerus unter Strafe gestellt werden sollten, kurzum, niemand wollte helfen.

Allmählich wurde er panisch. Was sollte er bloß tun? Kurzfristig erfüllte ihn die Vision, wie er Willi mittels einer luftgefüllten Spritze ins Jenseits beförderte, wo er schon lange hingehörte, aber was sollte das bringen bei jemandem, der keinen Blutdruck und keinen Herzschlag mehr hatte? Immer schneller tauchten Bilder vor seinem geistigen Auge auf, ein Autounfall, ein Sturz vom Dach des Krankenhauses, Chirurgische Instrumente, die Willi mit kalter Präzision in seine Einzelteile zerlegten, ...

Das konnte doch kein Mord sein, oder? Immerhin war Willi schon tot. Und es würde so viele Komplikationen hier und jetzt beenden. Wie zum Beispiel die Tatsache, daß es hier im Krankenhaus allmählich immer später wurde, während seine Frau zuhause mit dem Essen auf ihn wartete. Mal wieder. Und diese Ausrede würde sie ihm garantiert nicht abnehmen ... ihm wurde schwindelig. Kreise begannen sich langsam, dann immer schneller, vor seinen Augen zu drehen, dann, allmählich, hatte er das Gefühl, zu schweben, immer höher, erst bis in die Mitte des Raumes, dann langsam zur Decke ...

Während er noch einen letzten Blick zurückwarf auf seinen Körper, der zusammengesunken auf dem Boden lag, der grade auf ein Krankenbett gehievt, an Instrumente angeschlossen wurde, die ihm auch nur das verrieten, was er nun schon wußte, daß er tot war, eiskalt hatte ihn diese Gewißheit ergriffen, nun würde seine Frau für immer umsonst mit dem Abendessen auf ihn warten, sah er, schon mit verschwimmendem Blick, wie Willi, Willi die Nervensäge, Willi der Besserwisser, eben seinen letzten Atem verhauchte, metaphorisch gesehen, er war an das Atemgerät angeschlossen und intubiert, wie Willi seinen Herzinfarkt nicht überlebte. Die Monitore zeigten grade Linien, der Herzschlag war verebbt und Willi war nicht mehr, war tot und würde nie mehr aufstehen, nie mehr nach einer Pizza verlangen oder danach, in sein Heimzurückkehren zu dürfen. Er hatte ihn behandelt, hatte versagt, und nun war Willi tot. Tot, genau wie er selbst. Und während er immer höher schwebte, sah er Willi, wie er ihm folgte, nach oben, immer weiter fort, während er anfing, sich darüber zu beschweren, daß er nun tot war, er habe ihn völlig falsch behandelt, er habe noch so viel tun wollen in seinem Leben ...

Und er wünschte sich, während er davondriftete, er könne Willi töten, sich selbst, ihn wieder zum Leben erwecken, irgendetwas. Doch auch dieser letzte Gedanke verließ ihn allmählich ...



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