Gastautoren

Tatyana


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Gerichtsverhandlung

Gerichtsverhandlung


Die Szene:
Ein kleiner Gerichtssaal.

Anwesend:
Der Angeklagte, ein Protokollführer, ein Staatsanwalt, ein Richter, Geschworene

Staatsanwalt
Angeklagter, Ihr Name?

Angeklagter
Tod

Staatsanwalt
Vorname?

Angeklagter
Nur Tod, bitte.

Staatsanwalt
Sie müssen doch einen Vornamen haben.

Angeklagter (zögernd)
Nun ja, manchmal nennt man mich auch Gevatter.

(Protokollführer notiert: Tod, Gevatter)

Staatsanwalt
Wohnort?

Angeklagter
Ich bin überall zuhause.

(Protokollführer notiert: ohne festen Wohnsitz)

Staatsanwalt
Geburtsdatum?

Angeklagter
Ich wurde am dritten Tag der Schöpfung geschaffen, als die ersten Lebewesen entstanden.

(Protokollführer notiert: geboren am 03.01.01, Eltern unbekannt)

Staatsanwalt
Welchen Beruf üben Sie aus?

Angeklagter
Ich bringe den Tod.

Staatsanwalt
Was für eine Art Beruf ist denn das?

Angeklagter
Ich bringe den Tod. Im Auftrag des Bosses.

(Protokollführer notiert: Beruf: Vollzugsbeamter)

Staatsanwalt
Angeklagter, Sie werden beschuldigt, in mehreren Milliarden Fällen den Tod verursacht zu haben ...

Angeklagter (unterbricht)
Nein, verursacht habe ich ihn nicht, ich habe im Auftrag des großen Bosses den Tod gebracht.

Staatsanwalt
Angeklagter, Sie behaupten also, am Tod, den Sie verursacht haben, unschuldig zu sein?

Angeklagter
Genau so ist es. Ich handelte immer in Auftrag.

Staatsanwalt
Und dieser "Boss" von dem Sie sprechen, wer ist das?

Angeklagter
Na, Sie wissen schon ...

Staatsanwalt
Nein, weiß ich nicht.

Angeklagter
Na ...(dreht die Augen zur Decke)

Staatsanwalt
Angeklagter, lassen Sie die alberne Pantomime und erklären Sie uns, wer Ihr Auftraggeber war.

Angeklagter (leicht genervter Tonfall)
GOTT!

Staatsanwalt
Gott? Welcher Gott?

Angeklagter
Gott eben. Jehova, Zebaoth, Allah, Gottvater,... Gott eben.

Staatsanwalt
DER Gott?

Angeklagter
Genau der.

(Protokollführer notiert: offenbar religiöse Wahnvorstellungen)

Staatsanwalt
Und ... Gott hat Ihnen also befohlen, den Tod zu bringen?

Angeklagter
Genauso war es.

Staatsanwalt
Und wie genau hat er das gemacht?

Angeklagter
Er hat jeweils das Ziel genannt und das genaue Datum, samt Uhrzeit, zu dem ich den Tod bringen sollte. Die Eingabe ging erst an das Schicksal, damit es etwas individueller wurde, der endgültige Abholungsauftrag ging dann an mich.

Staatsanwalt
Schicksal?

Angeklagter
Nornen, Parzen, Schicksal, Zufall, Geschick, Bestimmung, ... es gibt viele Ausdrücke dafür. Jedenfalls ist jedem Lebewesen ein ganz bestimmtes Schicksal zugeordnet, damit das Gefüge des Seins nicht durcheinandergerät. Und wenn ein Leben zuende geht, wird noch einmal ein ganz bestimmter Schluß zugeteilt, bevor ich dann endgültig losgeschickt werde, um sein Dasein in dieser Form zu beenden.

Staatsanwalt
Das Dasein in dieser Form wird beendet?

Angeklagter
Nichts stirbt wirklich, aber das wissen Sie ja wahrscheinlich. Wenn ich komme, um ein Leben zu beenden, ist das eigentlich nur ein Übergang in eine andere Daseinsform.

Staatsanwalt
Aber das Leben ist doch dann beendet?

Angeklagter
Wenn Sie es so sehen wollen ...

Staatsanwalt
So sieht es das Gesetz. Angeklagter, Sie geben also zu, milliardenfach den Tod gebracht zu haben?

Angeklagter
Das ist so.

Staatsanwalt (dreht sich dem Publikum zu)
Euer Ehren, werte Geschworene, Sie sehen hier vor sich einen Massenmörder, einen, der gleich milliardenfach den Tod gebracht hat, einen, der ganze Völker ausgerottet hat, kein Mensch auf Erden, der nicht unzählige Angehörige und Vorfahren durch ihn verloren hat. Unsagbares Leid hat er über die Menschheit gebracht. Und sehen Sie selbst, er bereut nichts davon, behauptet, er habe im Auftrag eines Gottes gehandelt und das Schicksal sei sein Komplize. Kriege, Völkermorde, Hungersnöte, Epidemien, Alter, ... in all diesen Dingen war er, wie schon aus den Vorverhandlungen ersichtlich, involviert. Kain, Attila, Dschingis Khan, Hitler, Stalin, alle waren sie seine Helfershelfer. Die Beweiskette ist lückenlos, obwohl auch alle diese willigen Helfer schließlich hinterrücks vom Tode dahingerafft wurden. Mögen die Kronzeugen auch alle eliminiert sein, der wahre Schuldige steht hier vor Ihnen: der Tod! Für ihn fordere ich die Höchststrafe.

(Staatsanwalt tritt ab, eine Pause tritt ein, in der alle auf den Anwalt des Angeklagten blicken. Dieser windet sich, sichtlich unbehaglich. Steht dann auf und verlässt wortlos den Gerichtssaal)

Pause

Richter
Geschworene, sind Sie zu einem Urteil gelangt?

Sprecher
Das sind wir, Euer Ehren. Wir plädieren auf "schuldig".

Richter
In Anbetracht der Schwere der Verbrechen des Angeklagten setze ich die Strafe fest und verurteile ihn hiermit zum Tode,...

Szenenwechsel: Eine kahle Zelle, darin ein Elektrischer Stuhl, darauf sitzend - der Tod ...


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