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Dear Ma,

sicherlich etwas Ungewöhnliches, einen solchen Brief erst dann zu schreiben, wenn man(n) gefragt hat, ob er überhaupt gelesen werden wird. Aber dieser Brief enthält einige Gedanken, von denen ich gerne hätte, dass Du sie kennst und andererseits wäre es überflüssig gewesen, sie in Form zu bringen, damit Du die folgenden Seiten dann doch nicht liest...

Es mag auch ungewöhnlich sein, diesen Brief mit der Maschine zu schreiben, aber meine zittrigen Hände liefern derzeit keine schöne Handschrift ab.

Ich möchte vorausschicken, dass es nicht Sinn und Zweck dieses Briefes ist, Dir irgendwelche Vorwürfe zu machen, noch Schuldzuweisungen oder dergleichen zu treffen. Er soll lediglich einige Gedanken rüberbringen, die ich mir in den letzten beiden Wochen gemacht habe und er soll meine Gefühle ausdrücken, mit denen ich heute lebe.

Auch möchte ich, dass Du weisst, dass ich Dich, trotz der Zeit nach dem 27.12. in meinem Herzen behalten werde - das mag sich in Anbetracht der Umstände fast unglaublich anhören, dennoch bist Du die Frau, die ich geheiratet habe, wobei der Begriff Heirat und Ehe und das damit verbundene Versprechen für Dich in »guten wie in schlechten Tagen« da zu sein, für mich einen sehr sehr hohen Stellenwert hatte. Dieses Versprechen habe auch ich in gewisser Weise gebrochen - immer dann, wenn ich meine Zeit anders verbracht habe, als es eigentlich sinnvoll gewesen wäre - das weiss ich nicht erst seit heute. Wie oft bin ich mit dem Gedanken »ab morgen wird alles anders« ins Bett gegangen und immer wieder bin ich in den gleichen Trott zurückgefallen. Ich war wie im Rausch auf der Suche nach Befriedigung - Befriedigung, die ich an meinem Arbeitsplatz nicht bekommen kann - einfach das Gefühl, gebraucht zu werden, das mir Club, Mailbox etc. eben vermittelt haben. Aber das weisst Du, denke ich, selbst. Dennoch dachte ich, dass man eine Ehe ohne einen wirklichen Rettungsversuch nicht einfach wegwerfen kann - einer meiner vielen Irrtümer, wie ich nun selbst erfahren durfte. Also habe ich für mich beschlossen, diesen Wert für die Zukunft aufzugeben - eigentlich nur als Schutz vor einer solchen Enttäuschung, die wohl niemand freiwillig erleben will...

Nicht dass Du falsche Schlüsse ziehst - ich kann mir nicht einbilden, dass Du Deine Entscheidung zurücknehmen würdest und das weiss ich sehr wohl, auch wenn ich mir das nicht immer eingestehen will, aber das dürfte in meiner Situation wiederum normal sein. Auch möchte ich nicht, dass der Eindruck entsteht, dass ich »wieder mal« nur von mir rede - soweit ich die wirklichen Umstände kenne, beziehe ich sie in meinen UEberlegungen mit ein - nur wieviel davon kenne ich wirklich Du hast nie grossartig darüber gesprochen - vor allem in letzter Zeit nicht - einer Zeit, in der Du Deine Entscheidungen allein getroffen hast und sie, zumindest mit mir nicht besprochen hast.

Viele meiner Gedanken kennst Du ja bereits, denn einige davon habe ich mit Biber und Lucy ausgetauscht, wie ich das auch heute tue, denn ich kann wohl davon ausgehen, dass Du, spätestens seit Dir Biber nach Deinem Anruf bei ihm in der Firma gezeigt hatte, wie man Mails wieder auf ungelesen zurücksetzt, mitgelesen hast. UEbrigends habe ich, trotz besserer Gelegenheit, weil mehr Wissen, das niemals getan und ich hatte nicht im Entferntesten angenommen, dass Du das tust. Ich verstehe bis heute nicht - dass Dir Biber das sagt, ohne dass ich davon weiss - wahrscheinlich ging er davon aus, dass es eine einmalige Angelegenheit gewesen ist und es beruht auf seiner Auffassung von Loyalität dir gegenüber. Ich werde ihn allerdings bei nächster Gelegenheit persönlich danach fragen. Diese, sowie seine neutrale Haltung der Sache gegenüber hat er wohl mittlerweile aufgegeben - ich denke aber das hast Du mitgelesen und mitbekommen...

Inzwischen denke ich, dass die Sache mit Dir und Stefan wohl bereits am 31.12. enger war, als ich vermutet hatte, und Du wohl nur deswegen nach Hause zurückgekehrt bist, weil Stefan Dich weggeschickt hat. Ob er das nun getan hat, weil ich an diesem 31.12. mit ihm telefoniert hatte, schon klar, dass ich das tat, weil ich mir von ihm eine gewisse Unterstützung erhoffte, das sei einmal dahingestellt. Von ihm so muss ich sagen, weiss ich heute nicht, was ich denken soll... Deshalb habe ich ihn per Mail um ein Gespräch gebeten, denn Du weisst genau, wie schlecht ich mit Dingen, die mir nicht klar sind leben kann. Einer, wie ich jetzt feststelle, meiner Fehler, ohne direkte Auswirkungen auf andere.

Einerseits ist mir sogar klar, warum Du mit mir nicht reden wolltest - Du hast sicher wieder mal gedacht, wenn ich das tue, dann wird er mich wieder belabern... andererseits ist es ein Witz in sich, mit seinem Partner, mit dem man so lange zusammen war, mit der Begründung nicht zu reden, dass man mit ihm gar nicht reden könne. Sicherlich haben wir zuwenig miteinander geredet - dieses Attribut dürfen wir uns aber beide anheften, zumal ich übersehen (?) habe, wie ernst es geworden war. Es wird mir aber immer ein Rätsel bleiben, wie man an Deiner Stelle am 31.12. nach Hause zurückkehrt, obwohl man weiss, dass man die Chence, die man artikuliert, gar nicht geben will und man weiss, dass man für jemanden anderes Gefühle hegt. Hier allerdings bin ich mir nicht darüber im Klaren, was Du darunter verstehst, denn ich habe den weiteren Fehler begangen, vorauszusetzen, dass Du ähnlich wie ich empfinden würdest.

Ich habe, auch mangels grosser Erklärungen Deinerseits, lange darüber nachgedacht - über unsere Beziehung - vor allem aber darüber, wann, wie und warum wir uns verloren haben. Ich rede ganz bewusst von »wir«, denn es ist sicherlich nicht nur einseitig (hier meine ich Dich) passiert.

Mittlerweile denke ich auch, dass der einzige Grund, den Du mir genannt hast, eingentlich nur vorgeschoben gewesen ist. Vielleicht hättest Du mir gleich die wahren Gründe nennen sollen, vielleicht hätte ich auch wissen sollen, dass eine solche Beziehung bei Freunden durchaus entstehen kann, überhaupt dann, wenn jemand, wie in Deinem Falle unglücklich ist. Dennoch kann (oder will) ich mich nicht erinnern, dass Du jemals zum Ausdruck gebracht hast, wie unglücklich Du mir unserer Situation wirklich bist. Klar - gib jemandem die Chance zu sehen, dass es auch anders geht und er wird es versuchen... hier war mein Vertrauen in Dich wohl zu gross - vielleicht hätte ich auf Stefan (richtig Dein Stefan ist hier gemeint) oder auch andere hören sollen, die mir immer wieder davon abgeraten haben, Dir diese weiträumige Freiheit zu geben. Ich hätte jedoch niemals gedacht, dass Du sie dazu benutzen würdest. Für mich ist diese Freiheit elementarer Grundsatz einer Beziehung und ich würde es heute nicht anders machen. Verdrängt habe ich dabei, wie Du ggfs. damit umgehst, ich brauche mich da nur an die Geschichte von damals mit Erik zu erinnern, die mir in Erzählungen anderer ganz anders dargestellt wurde, als von Deiner Seite... Interessant ist sicherlich für Deine Zukunft, dass Stefan in einer Unterhaltung mit mir schon häufiger erwähnt hat, dass er seinem Partner eine solche Freiheit nicht einräumen würde. Auch rätsle ich bis heute, warum Du immer und immer wieder davon gesprochen hast, dass Du alleine leben willst, möglichst nicht bei Deinen Eltern. Stellst Du Dir unter "allein leben" tatsächlich vor, dass Du sehr wohl eine Beziehung hast, derjenige nur momentan gerade nicht bei Dir wohnt?

Sicherlich ist klar, dass Du Dich an die Beziehung mit Stefan klammerst, denn sie ist alles, was Dir durch Deine Trennung zu mir übrig bleibt, vor allen Dingen dann, wenn Worte und Taten Deinerseits so grundverschieden sind, dass sie keiner so recht glauben will. Und wie ich Dich kenne, ist es ja wohl so, dass Du allein kaum jemanden kennenlernen wirst bzw. Deinen Hintern nicht hoch kriegst - wie war doch gleich der Ausspruch von Dir... Am liebesten sitze ich zuhause auf der Couch. Beide Entscheidungen, der Einzug bei Deinen Eltern und die (gehen wir mal davon aus, dass sich die intime Beziehung zu Stefan wirklich erst entwickelt hat, obwohl es auch ganz anders denkbar wäre) Beziehung zu Stefan, wären dann nicht in Deinem Sinne gewesen und so sehe ich sie, falls meine UEberlegungen zutreffen würden nur temporär. D.h. es wird nicht Dein endgültiges Leben sein ich weiss was Du jetzt sagen würdest - das weiss heute keiner... aber glaube mir - die Wege sind in gewisser Weise vorbestimmt - wie anders ist es zu erklären, dass ich an diesem Mittwoch zur richtigen Zeit die falschen Dinge getan habe. Wie anders kommt mein (Unter-)Bewusstsein auf die Idee, nachts um 23.30 Uhr auf unserer ehemaligen Terrasse zu stehen und Euch zuzusehen? Wie anders ist es zu erklären, dass Du, die mir erklären will, dass das eben gerade mal passierte, die Tür das erste Mal, dass ich mich erinnern kann, so abgeschlossen hast, dass man sie von aussen nicht aufschliessen kann?

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten - es war eine Vorsichtsmassnahme von Dir, weil Du genau gewusst hast, was passieren wird (hier wäre auch denkbar, dass es bereits vorher schon passiert war) oder hat Dir Dein Unterbewusstsein empfohlen das zu tun... Wie Du selbst an diesem Abend gesagt hast »Vielleicht muss das alles so sein« vielleicht habe ich, wie schoneinmal in meinem Leben auch gespürt/gefühlt, was gerade passiert - vielleicht sogar, weil Du an mich gedacht hast - wer weiss, wozu die 80% unseres Gehirnes, die wir nicht bewusst nutzen, gut sind...

Was mich allerdings auch interessieren würde ist, wie Stefan mit Deinem Sinneswandel, was das alleine Leben etc. betrifft zurecht kommt - sieht er diese überraschende 180 Grad Wendung denn nicht? Oder war das ganze nur Theater für mich?

Nun könnte man zwar sagen »Was will der Mann überhaupt - es war doch schon aus zu diesem Zeitpunkt« das aber denke ich, kann wohl nur derjenige denken, der davon nicht betroffen ist. Als derjenige, der auf der Strecke bleibt, wird man so sicher nicht denken können - ganz im Gegenteil - man(n) kommt sich ausgenutzt und ausgetrickst vor - so wie heute im Nachhinein, wenn ich an die Zeit nach dem 31.12. denke - ich sage es ehrlich - ich sah mich am Boden liegen und Du bist bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zusätzlich auf mir herumgetrampelt. Ich denke nicht, dass unsere Beziehung so schlimm war, dass man das rechtfertigen kann - sicher eine Art Rache für all das, was Dir mit mir entgangen ist, mag es ein, aber damit keineswegs zu rechtfertigen. Auch weiss ich nicht, ob es wirklich eines der geschicktesten Ausbremsmanöver war, die ich erlebt habe (falls das zutreffen sollte, strafst Du mich Lügen wenn ich behaupte ich hätte Menschenkenntnis), als wir an diesem Sonntag unserem Kleinen das mitgeteilt haben, oder ob Du Deine Entscheidung Stunden später wirklich so radikal geändert hast. Generell würde es mich interessieren, ob ich Dich wirklich so verkannt habe, dass ich mich all die Jahre selbst betrogen habe, indem ich dachte, dass Du keine so kalte Person bist, wie sich das Bild von Dir gelegentlich zeichnete - zumal man die Ereignisse rückwirkend durchaus auch in diesem Licht sehen könnte und sie würden sogar ein wenig besser in das Puzzle des Lebens passen... In der Tat ist es interessant, welche Erfahrungen man im täglichen Leben macht, wenn man sich plötzlich um viele Dinge kümmern muss, um die man sich vorher nicht oder nicht in dem Umfang gekümmert hat. Diese Erfahrung hast Du vielleicht mittlerweile auch bei Dingen gemacht, die anfallen, wenn Stefan gerade nicht da ist. Aber in der Regel bist Du ja wohl umsorgt und an Aktivitäten wie Fasching in Mannheim etc. wird es Dir/Euch ja auch nicht fehlen. Spätestens nach unserem Telefonat kenne ich den Abstand, den Du vordergründig und sehr deutlich hörbar zu mir gewonnen hast ich konnte ihn hören und fühlen. Es hörte sich an, als kennen wir uns seit Jahren, nicht aber danach, als hätten wir uns gerade erst getrennt. Ich hatte all die Jahre vergessen, wie kalt Du sein kannst, insbesondere dann, wenn Du mit einer Sache innerlich abgeschlossen hast - in diesem Falle »unsere« Sache, die Du irgendwann für Dich allein entschieden hast, ohne mich daran zu beteiligen. Zwar kannst Du hier schon denken, dass er hier wieder seinen dramatischen Anfall hat, und Du verstehst vielleicht nicht auf Anhieb, dass man(n) sich soviele Gedanken machen kann, bedenke aber dabei, dass Du Dich nicht in dieser Situation befindest, in der man sich am liebsten den »grünen Punkt« aufkleben würde, weil man sich so überflüssig und nutzlos fühlt. Ich habe Dir in dieser Nacht gesagt, dass ich Dir wünschen würde, dass Dir sowas auch mal passiert - das stimmt so einen Teil weit, denn dieses Gefühl ist fast unerträglich und übermächtig. Lässt man es gewähren, ohne sich mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen, frisst es einen auf. Ich habe in dieser Nacht überlegt, ob ich die 20 Valium, die ich vor mir liegen hatte, tatsächlich nehmen soll nicht falsch verstehen - ich will Dir damit nicht drohen oder dergleichen - wie könnte ich das auch - ich habe es überlegt und beschlossen, es nicht zu tun. Vielleicht gar nicht mal so wegen mir, als vielmehr deshalb, weil ich den Kleinen nicht allein lassen will und weil ich die vielfältigen Bemühungen meiner Freunde nicht lügen strafen wollte. Vielleicht auch weil ich mir einbilde, dass es doch jemanden gibt, der mich braucht, vielleicht weil ich denke, dass mein Leben mit 35 noch nicht vorbei sein kann oder aber ganz einfach deshalb, weil ich zu feige dazu gewesen bin. Am Anfang in der neuen Wohnung, war alles so neu, dass sich der Hotelcharakter dieser Wohnung einfach nicht wegbekommen liess da konnte ich eigentlich machen was ich wollte. Irgendwie war zuvieles neu - ob's die Seife, das Duschgel, das kratzige Handtuch oder der Aufenthaltsort einer bestimmten Sache war/ist. Einhergehend mit massiven Schlafstörungen, die ich bis heute nicht weggebracht habe, ist/war es schwierig sich darin aufzuhalten. Ich weiss nicht, ob es Dir der Kleine erzählt hat als er da war, haben wir uns für abends ein Video - Vier Dinos in New York - ausgeliehen und wir lagen zusammen auf dem Bett und ich bin kurz nach dem Beginn friedlich in seinen Armen eingeschlafen. Es umgab mich ein Gefühl der Geborgenheit, wie ich es »lange« nicht erlebt habe und wie ich es vermisse - nicht nur wenn ich nachts irgendwann schweissnass aufwache und immer wieder irgendwelche (fiktiven?) Bilder von Dir und Stefan vor meinem geistigen Auge sehe und keinen Schlaf mehr finden kann... Eine grosse Hilfe, das wirst Du Dir sicher vorstellen können, denn Du hast es ja gerade durch eine Woche zusätzlichen Urlaub von Stefan zum Einrichten Deiner (Eurer) Wohnung selbst erfahren, wie das ist, waren meine Freunde. Ob sie sich nun in meiner Wohnung mit ihren Einfällen verewigt haben, oder für die Aktion mit dem Fernseher verantwortlich zeichnen oder einfach nur da sind, wenns mir schlecht geht. Da fällt mir ein, wie sehr Du Dich gewundert hast, dass ich mich mit Gaby wieder getroffen habe. Nun - gerade Du solltest ja wissen, wie fest man sich an Strohhalmen halten kann in bestimmten Situationen oder hast Du das selbst gerade nicht getan? Ich denke schon, denn Du hättest das Ganze sicherlich so nicht durchgezogen, wenn Du alleine gewesen wärst - ganz ehrlich - das kann ich heute nicht mehr glauben. Sicher es sah so aus - oder aber, vielleicht besser ausgedrückt - ich wollte es so aussehen lassen und ich hatte an Deine Argumente sogar geglaubt. Aber Stefan ist Dein Fenster nach draussen - durch ihn - und da wollen wir ehrlich sein, wirst Du aktiv bleiben und neü Leute kennenlernen, denn Du bist nicht der Typ Mensch, der alleine irgendwo hingeht, um neue Kontakte zu finden. Somit hast Du zielsicher den Stefan auf Deine Seite gebracht, damit Du nicht alleine stehst (bewusst oder unbewusst - letzlich egal!?).

Das alles rettet mich offensichtlich nicht davor, jede Nacht schweissgebadet aufzuwachen und immer wieder daran denken zu müssen... es rettet mich nicht davor, dass es mir am Abend, wenn es dunkel wird und ich in meiner kleinen Wohnung sitze, mich zunehmend schlechter fühle. Sicher auch nicht davor, dass ich mich in ärztlicher Behandlung befinde, um mich und meine Gefühle unter Zuhilfenahme von Medikamenten einigermassen unter Kontrolle zu halten. Oder etwa davor, dass mir der Plauderton, wie in unserem Telefonat am Samstag, schwer fällt oder sich ein Stein auf meine Brust legt, wenn mir der Kleine ganz aufgeregt erzählt, dass er es ganz toll findet, wenn Stefan an diesem Samstag und in Zukunft bei »Euch« schläft. Ich möchte mit dieser Bemerkung keinesfalls erreichen, dass Du ihn dazu anhälst, zu sagen, was Du für richtig hälst - klarkommen muss ich damit so oder so.

Sicherlich - der, der übrig bleibt wird sich immer schlecht, benutzt und abgelegt fühlen. Das ist sicher generell auf alle auseinandergehenden Beziehungen anzuwenden - in meinem Fall aber kommt hinzu, dass ich immer noch rätseln muss (weiss nicht, ob sich das jemals ändern wird) wie das Ganze wirklich gelaufen ist. Ja richtig - das beschäftigt mich - ich kann es nicht loswerden... Was mir das bringen würde, die »Wahrheit« zu kennen?

Eigentlich recht einfach - ich könnte besser damit leben, weil ich heute ganz einfach nicht weiss, ob Du mich die gnze Zeit über belogen hast, ob Du wirklich wider besseren Wissens zugesehen hast, wie ich alles um mich herum auflöse, wie ich mich vergeblich bemühe, meinen Fehler sehr wohl einsehend. Ich konnte es mir nicht vorstellen, dass Du das tun würdest - nicht nach all der Zeit, die wir zusammen verbracht haben, denn das waren nicht nur ein paar Monate oder ein paar Augenblicke in unserem Leben. Wir sind ein grosses Stück zusammengegangen, erst Hand in Hand, später wohl nur noch mit gelegentlichen Berührungen. Aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass Du darüber mit mir nicht reden würdest, dass Du mir den Ernst der Lage nicht verdeutlichen würdest, wenn ich ihn schon nicht sehe (nicht sehen will), dass Du einfach behauptest, dass Du mit mir nicht reden kannst (aus Angst ich könnte Dich überreden?), weil mit mir angeblich nicht zu reden sei. Was rechtfertigt das mangelnde Vertrauen in mich? Habe ich Dich jemals so enttäuscht?

Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass ich in jener Nacht auf der Terrasse ein solches Bild sehen würde und doch ist es passiert. Das Puzzle würde sich auch anders herum sehr leicht zusammensetzen lassen! Habe ich mich so getäuscht? War ich so mies, dass ich eine solche Art der Behandlung wirklich »verdiene«? Kann jemand eine Beziehung einfach ablegen wie ein gebrauchtes Hemd, das nicht mehr modisch ist, um sich ein neues zuzulegen?

Sicher - ich sollte am Besten wissen, was wir damals während Deiner ersten Ehe alles angestellt haben - damals war ich in der besseren Position, aber ich hätte nie gedacht, dass Du Dich so im Falle eines Falles auch mir gegenüber verhalten würdest, wobei ich nicht weiss, wann Du aufgehört hast ehrlich mir gegenüber zu sein. Andererseits frage ich mich, warum es dann auch immer soweit kommen muss, wenn man seinem Partner eine recht grosse Freiheit zugesteht und das Geschlecht der beiden, die zu Freunden werden dann auch noch unterschiedlich ist.

Sicherlich - ich weiss aus frühen Erfahrungen genau, dass man sich näher kommt, wenn Probleme im Raum stehen - aber ich weiss auch, dass man sie seinem Gegenüber erzählen kann - mit seinem Partner aber muss man sie auch besprechen. Stefan würde mir jetzt wieder sagen, wie oft er mir doch geschrieben hat, was ich alles zu ändern hätte - aber mal ganz ehrlich - würdest Du einen solchen Rat annehmen, den Dir Dritte geben (die hinterher dann eiskalt behaupten, nie Dein Freund gewesen zu sein)? Warum glaubt er habe ich mich oft an ihn gewandt? Aber gut - wie Du vielleicht weisst, hat er eine Mail von mir erhalten, in der ich ihn um ein Gespräch bittte, wobei er die Wahl des Ortes und der Zeit hat (hört sich irgendwie wie ein Duell an). Ich weiss hier genauso wenig, ob er darauf überhaupt eingehen wird, genauso wenig wie ich weiss, ob ich von Dir Antworten auf meine Fragen erhalten werde. Mir wäre dann vielleicht wohler, denn auch ich muss diesen Part meines Lebens irgendwann hinter mir lassen bzw. ihn als erledigt ablegen können. Gespräche mit Leuten, die ähnliches hinter sich haben bestätigen meine Annahme, dass es sehr sehr lange dauern wird, bis man so etwas vergessen hat, insbesondere dann, wenn man durch den Besuch seines Kindes immer wieder daran erinnert werden wird?

Das möchte ich nicht falsch verstanden wissen - ich möchte unseren Kleinen so oft ich kann sehen - sooft er mich sehen will. Und ich werde immer für ihn da sein, weil ich ihn liebe das habe ich ihm so gesagt, auch wenn er die Dinge heute vielleicht noch nicht so versteht - er hat sich sicherlich eine eigene Sicht der Dinge zugelegt, damit er mit der Sache besser zurecht kommt. Das darfst Du gerne als Versprechen meinerseits ansehen - genauso wie das Versprechen, das ich Dir gegeben habe, wenn ich sage, dass ich Dir jederzeit zur Verfügung stehe, wenn Du mich brauchst, egal ob für die Erledigung einer Sache oder ein Gespräch. Behalte das einfach im Hinterkopf vielleicht wirst Du es eines Tages doch brauchen, obwohl Du Dich heute vielleicht eher auf der sicheren Seite befindest bzw. es zumindest annehmen kannst.

Ich denke auch, dass wir die Trennung selbst wohl einigermassen hingekriegt haben, ohne uns zu zerfleischen, anzuschreien oder dergleichen. Was die Aufteilung unseres Besitzes betrifft, so haben wir uns sicher nichts vorzuwerfen - sicher Du bist da besser gefahren, denke ich mal, aber warum soll ich auf irgendwelche Dinge bestehen, die ich dann aufgrund meines sehr kleinen Wohnraumes in den Keller stellen müsste und andererseits habe ich eine gewisse Grosszügigkeit in Dingen gesehen, die Du mir angeboten/abgetreten hast, wie ich sie eigentlich gar nicht erwartet hätte, wenn mich auch die kratzigen alten Handtücher heute stören, wenn ich aus der Dusche komme :-) - aber das lässt sich alles ersetzen. Die finanzielle Talsohle werde ich sicher nicht ohne weiteres überwinden - ich habe dabei sicher nicht vergessen, dass Du Dich in einer ähnlichen Situation befindest, auch wenn sich Deine Situation sicher bald verbessern wird, nicht nur durch die Unterstützung Deiner Eltern bzw., Deiner Mutter, der Du Dir ja sicher sein kannst, sondern sicher auch durch Stefan, denn Eure Beziehung wird sicher mit der Zeit (recht schnell) enger werden und damit erfogt eine Unterstützung genauso schnell. Ob sich das immer finanziell ausdrücken muss, kann sicher bezweifelt werden. Sicher - ich habe beschlossen mein Leben und meine Wohnung selbst in Ordnung zu halten - einzige Ausnahme ist erstmal meine Wäsche, bis ich das Geld zusammenhabe, um mir eine Waschmaschine zulegen zu können, denn ich habe den Monat Februar mit einem geplanten Defizit von 700,-- DM abgeschlossen, was sich im Rahmen bewegt - immer in der Hoffnung, dass zunächst nichts mit dem Wagen oder dergleichen dazwischenkommt. Gleichzeitig werde ich versuchen, nebenher wieder Geld zu verdienen - da ich den Club ja nicht mehr habe, und ihn nach all den netten Briefen heute auch gar nicht mehr zurückwollte und man mich in gewisser Weise bei unserem gemeinsamen Projekt ausgebootet hat, wird das zunächst schwer sein und die Anstrengung bringe ich, auch wenn ich sehr wohl weiss, wie nötig es wäre, derzeit gar nicht auf, aber die Zeit dafür wird sicher kommen... - ach ja - keine Sorge - ich werde meinen Verpflichtungen Christopher gegenüber selbstverständlich nachkommen - aber ich denke, Du solltest wissen, dass Du Dich auf meine Zusagen diesbezüglich verlassen kannst. Das gilt auch für die Angabe meines korrekten Verdienstes, sobald etwas in der Richtung läuft.

Dass mir Dein Anwalt mitteilt, dass Du ihn gebeten hast, nicht mehr zu fordern, als mir zusteht, bzw. mich nicht mit irgendwelchen sinnlosen Klagen zu überziehen, die unnötig sind und nur unser Geld kosten, ehrt Dich in gewisser Weise. Dass Du das Sorgerecht nicht teilen willst, bevor das rechtlich anders geregelt wird und ich einen Anspruch darauf haben werde, ist in gewisser Weise für mich traurig. Ich werde jedoch bis zu einer gesetzlichen Regelung nicht versuchen, das per Anwalt und Gegenklage zu erreichen. Nicht weil ich da keine Aussichten hätte, sondern vielmehr deswegen, weil unser Kleiner nicht denken soll, man würde sich um ihn streiten. Eine Wahrnehmung eines gesetzlichen Anspruches ist für mich in dieser Sache etwas anderes. Du kannst Dir sicher sein, dass ich keine unnötigen Schwierigkeiten machen werde, solange ich fair behandelt werde - warum sollte ich auch - ich denke, dass ich das Euch beiden und letzlich mir selbst schuldig bin.

Sicher ist, dass das allemal besser ist, als die Szenen, die sich hier nach dem Einzug einer Frau abspielen, deren Mann hier regelmässig betrunken auftaucht und dann wie ein Wilder an die Tür hämmert und Sätze wie »Ich stech Dich ab Du Sau« von sich gibt - soviel zum Thema ehrenwertes Single-Haus in dem keiner mit dem anderen etwas zu tun haben will. Aber der Anteil der eigenen Probleme dürfte bei den hier ansässigen wohl auch überdurchschnittlich hoch sein.

Du kannst sehr froh darüber sein, dass Du nicht alleine bist, wie auch darüber, dass Du nicht der Betroffene bist. Das bezihet sich jetzt nicht nur auf Stefan, sondern auch auf Christopher oder Deine Eltern, die im selben Haus wohnen. Es mag böse geklungen haben, als ich Dir an jenem Mittwoch abend gewünscht habe, dass Dir eine solche Situation einmal Einblick bietet, in die Gefühle, die über Dir zusammenbrechen, wenn auch Deine Gefühle dann ganz anderer Natur sein dürften wie die meinen. Es wäre sicher für niemanden schlecht, wenn er solche Gefühle einmal kennenlernen würde, vielleicht und sicher nur vielleicht, würde unsere Wegwerfgesellschaft (und das bezieht sich hier leider auch auf zwischenmenschliche Beziehungen jeder Art) dann wieder lernen besser und ehrlicher miteinander umzugehen. Aber ich gerate ins philosophieren (Du würdest vielleicht das Wort Schwätzer? gebrauchen), aber es ist mir ernst mit meinen Worten... Dieser Brief ist länger geworden, als ich zunächst angenommen hatte - ich sass an den ersten Zeilen sehr lange - und es ist spät geworden, was relativ egal ist, da ich durch meine Gedanken sicher wacher bin, als ich es je gewesen bin und den Wecker werde ich wohl wiedereinmal ausschalten bevor er überhaupt klingeln kann - aber gut es gilt damit zu leben, auch wenn ich derzeit die von vielen erwähnten Vorteile eines »freien« Lebens nicht sehen, geschweige denn geniessen kann. Das hat nix damit zu tun, ob ich mich auf die Suche nach einer Beziehung mache - das ist derzeit sowieso nicht meine Sache nicht nur aus meinen Gefühlen für Dich heraus, sondern weil es niemand verdient hat, dass man mit ihm eine Beziehung eingeht, fast ausschliesslich deshalb, weil man sich selbst damit über den Schmerz hinweg helfen will und/oder einfach nur Befriedigung sucht. Vielleicht decken sich unsere Ansichten da nicht ... ich für meinen Teil denke jedoch so... und... wie sollte da auch auf die Schnelle gehen? Interessant auch zu sehen, dass meine Gedanken wohl heute mehr in Bewegung sind, als sie es in den vergangenen Jahren immer waren - schade eigentlich, dass man mit der Zeit so bequem wird. Nun - ich habe mir überlegt, wie das wohl bei Christophers Kommunion sein wird, ob Du Stefan da bereits zur Familie zählst und ich dann davon Abstand nehmen muss, der Feier beizuwohnen? Die Kirche aufsuchen, um Christopher zu zeigen, dass ich da bin? Aber das werden wir sicher (?) vorher telefonisch klären. Jedoch möchte ich Dich ausdrücklich nocheinmal darum bitten, Dich an mich zu wenden, wenn es mit Christopher Probleme/Sorgen/Schwierigkeiten oder dergleichen gibt. Ich möchte genauso für ihn da sein und ihm helfen, wenn ich kann, wie ich es mir vorgenommen habe. Das allerdings kann ich nur mit Deiner Hilfe bzw. Ehrlichkeit auch realisieren.

Wie künftig Ereignisse wie das HiTech-Usertreffen ausgehen, wenn Stefan oder gar ihr beide, bei solchen Gelegenheiten erscheint bleibt zweifelhaft - es steht mir nicht zu, mir dies künftig allein vorzubehalten. Dass ehemals loyale Bekannte und Freunde nun doch recht eindeutig Stellung beziehen, werdet ihr Euch sicher denken können - eine relativ normale Sache, wie wohl der Schwenk Deiner Eltern zurück auf Deine Seite, der mir am Rande bemerkt, sehr weh getan hat.

Es wäre mir ohne Zweifel sehr recht, wenn mir solche Situationen und Zusammentreffen künftig erspart bleiben könnten.

So Ma - jetzt bin ich wirklich am Ende angelangt - es würde mich freuen, wenn Du Dir bis hierhin Mühe gegeben hättest, von meinen Gedanken zu lesen und sie vielleicht ein Stück weit sogar zu verstehen. Ich würde gerne Dein »Freund« bleiben zumindest in Deinen und meinen Gedanken - vielleicht haben wir Gelegenheit uns in naher Zukunft darüber zu unterhalten - die Entscheidung obliegt allerdings Dir - meine Bereitschaft dafür ist da. Du solltest jetzt nicht denken, dass ich Dir das wiedermal zuschiebe - was anderes sollte ich aber sagen? Vielleicht nimmst Du ja auch nach all den Jahren wieder Papier und Bleistift in die Hand und schreibst mir - ein frommer Wunsch? Ich habe mich gerade durch die Bemerkung einer Kollegin, die mich darauf angesprochen hat - hier weiss es ja wohl mittlerweile eh jeder, zumal da die tollsten Gerüchte in Umlauf sind - von wegen ich hätte Dich verlassen - kommt Dir diese Formulierung nicht bekannt vor? - an früher erinnert, weil sie meinte, das hätte sie nie gedacht, insbesondere dann nicht, wenn sie sich an die Zeiten zurückerinnert, in denen man Dich nach einem Telefonat, aus dem Häuschen unten, trösten hätte müssen, weil Du dachtest Du würdest in den zwei Wochen, in denen ich auf Kurs bin, verrückt werden... interessant dass sich daran auch weitgehend Unbeteiligte erinnern.

Zum Schluss möchte ich Dir wünschen, dass Du mit Deinem neuen Leben zufriedener sein wirst, als mit Deinem alten - vor allem aber, dass Du diesmal auch die Kraft finden wirst, Deine Beziehung besser zu erhalten und zu gestalten, als Du dies in den vergangenen Jahren getan hast. Vielleicht hast Du jetzt wieder einmal (wie damals) eingesehen, wie wichtig es ist miteinander zu reden - nicht nur am Anfang, sondern immer! Diese Erkenntnis werde ich sicher mein Leben lang nicht mehr vergessen.

Alles liebe!



   † ad noctem †
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