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Veröffentlicht 2006 in der Anthology: Seelenfarben


Woher kennst du diese Worte nur - ach ja ... das war doch damals vor 11 Jahren bei der Trauung durch den Standesbeamten!

Neun Jahre später stellst du fest, dass das leere Worte sind, an die du da geglaubt hast. Ohne jemals ernstlich versucht zu haben, mit dir zu sprechen und ohne dass du jemals wirklich erfahren hast warum, teilt dir deine Ehefrau lapidar mit, dass sie sich von dir trennen wird. Es ist, als hätte man dir den Teppich unter den Füssen weggezogen - dein Kopf ist leer aber schliesslich gibt man nicht so einfach auf...

Sie versichert dir, dass kein anderer Mann im Spiel ist - das glaubst du nicht - vielleicht war es ja ein Fehler, ihr die, in Beziehungen so oft abhanden kommende, Freiheit zu lassen - es sogar als selbstverständlich zu erachten, dass es diese Freiheit auch nach dem Ringtausch gibt. Aber letzlich liegt es wohl viel eher daran, dass du eigentlich immer gewusst hast, dass dir das passieren könnte, was auch ihrem ersten Ehemann passiert ist. Sie interessiert sich immer dann, wenn sie erreicht hat, was sie eigentlich wollte, für das was sie gerade nicht hat. Ausserdem hast du viel zuviel gearbeitet - richtig - sie hat das verdiente Geld auch ausgeben - das aber ist wohl eher sekundär ...

Was nützen die Gedanken - sie lehnt strikt ab, mit dir zu reden. Sie verlässt die Wohnung, wenn du kommst und sie ist da, wenn du gerade gehst - richtig - ihr habt ja ein gemeinsames Kind und das kann man ja nicht alleine lassen. Schlecht gewählt der Zeitpunkt oder gut - wird wohl auf die Sichtweise ankommen, denn die gemeinsame Wohnung ist längst gekündigt, weil das Haus verkauft wird, in dem du über 30 Jahre deines Lebens verbracht hast. Ihr hattet euch dazu entschlossen, bei ihren Eltern einzuziehen und die hatten nach langem hin und her zugestimmt und die Wohnung sogar den Wünschen ihrer Tochter entsprechend umgebaut und eingerichtet haben. Lediglich die Renovierung musstet ihr in Kleinarbeit selbst machen ... und fast ist sie fertig die neue Wohnung - viel fehlt nicht mehr - aber das braucht dich ja jetzt auch nicht mehr interessieren - denn du bist ja fein raus - du darfst dir jetzt ein Ein-Zimmer-Wohn-Klo suchen - du hast dazu sogar acht Wochen Zeit, danach rauscht leider die Abrissbirne in deine alte Wohnung. Dein psychischer Zustand ist kritisch - sie sitzt zuhause, wenn du kommst und hört irgendeinen depressiven Song von Madonna in voller Lautstärke - du erträgst es nicht ...

Also versuchst du alles, ohne wirklich nachzudenken, weil dein Kopf gefüllt ist bis obenhin - mit Gedanken - mit Sorgen - mit Wut - ohne Schlaftablette kommst du nicht ins Bett - du bringst ihr Blumen mit - schön ... du kaufst dir endlich ein Rasierwasser, obwohl du nach wie vor nichts davon hälst Duftfahnen zu hinterlassen - sie bemerkt es und weint - wie du später erfährst, hat ihr Neuer sich das gleiche gekauft - weil sie es so gerne hat ...

Du gibst Deine Nebenobs auf, die du um dich sinnvoll zu beschäftigen, in deiner Freizeit angenommen hast - sie wird sich später darauf zurückziehen, dass sie das zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr wollte, weil die Situation für sie längst erledigt war. Du wartest auf sie an Sylvester - viel harte Stunden lang, weil sie mit dem Neuen, der irgendwie ja doch ins Gespräch gekommen ist und den du sehr gut kennt - einer deiner besten Freunde, obwohl er diese Tatsachen hinterher verleugnen wird, verabredet, es nochmal mit dir probieren zu wollen. Sie kommt endlich und du gehst mit ihr - das Glücklichsein wollte sich trotz der überraschenden Nachricht gar nicht einstellen - auf die Fete deiner Freunde - sie ist kalt und teilt dir auf dem Heimweg im Auto aus heiterem Himmel mit, dass du dir nicht einbilden brauchst, dass du sie berühren duerftest - irgendwie hattest du dazu sowieso keinen Draht - aber immerhin bist du informiert...

Was zu diesem Zeitpunkt wohl niemand weiss ist, dass sie massive Schwierig- keiten mit ihren Eltern hatte und dass sie deswegen zur Beruhigung aller einen kurzfristen, nicht ernst gemeinten Rückzieher - vielleicht sollte man das ja auch Ausweichmanöver nennen - gemacht hat. Vielleicht um vier Wochen lang zu geniessen, wie du dich im Staub liegend, versuchst hochzuziehen und sie dir immer wieder kräftig eine reintritt - die blosse Vermutung dessen scheint Tatsache und lässt sich nur schwer verdrängen.

Nichteinmal vier Wochen später kommt das endgültige Aus - wieder eine lapidare Erklärung: "ich möchte alleine wohnen, mich neu orientieren und natürlich steht ausser Frage, dass unser Sohn mit mir geht!" Es gelingt dir zwar, ein gemeinsames Gespräch mit mit deinem Kind zu führen und ihm die Entscheidung zu überlassen - mehr als eine Farce allerdings kann das gar nicht werden, denn du hast ja nichteinmal mehr eine Wohnung und damit ist die Entscheidung klar. Niemand wird sich vorstellen können, wie dir jede einzelne Träne deines Sohnes weh tut die er vergiesst, weil er nicht versteht was das alles soll - warum er dich künftig nur noch nach Stundenplan sehen wird ...

Und du findest endlich das Ein-Zimmer-Wohn-Klo in deiner Heimatstadt - eine Geschäftskollegin und Freundin hat sie dir besorgt - du verkaufst dein restliches Hab und Gut, damit du dir Mietkaution und Maklerprovision leisten kannst - du siehst zu, wie sich der dicke Makler 12 einhundert- Mark Scheine genüsslich in die Tasche schiebt - dein Wohn-Klo hat sogar einen Balkon - du kannst sofort einziehen - du verpackst 35 Jahre Leben in 24 Kartons - deine Freunde helfen dir beim Umzug - der ist in einer Stunde gemacht - nach vier Stunden ist das Wohn-Klo komplett eingerichtet - jeder hat noch einen Termin - du bist allein - die Tür fällt ins Schloss und du sitzt da - stumm weinend - du denkst an den Tod ...

Beim Gedanken an den Tod fällt dir ein, dass dein bester Freund nach einem Herzinfarkt mit 33 Jahren im Koma liegt und dass er sterben muss - du denkst mehr als einmal darüber nach, warum es keine Möglichkeit gibt, mit ihm zu tauschen - Monate später wird er, ohne das Bewusstsein wieder erreicht zu haben, sterben. Du wirst dich am Rednerpult bei der Beerdigung beherrschen und nicht fragen, warum er, der leben wollte und nicht du, dem das egal ist ob er lebt oder nicht...

Wenige Tage nach deinem Einzug in die neue Wohnung kommst du Abends in deine Heimatstadt, biegst, wie Jahrzehnte zuvor in deine alte Strasse ein und siehst vor dem Haus sein Auto stehen. Wie im Film, parkst du deinen Wagen vor dem Haus, steigst aus und läufst ums Haus. du stehst da und siehst deiner Frau und deinem Freund durch den nicht ganz heruntergelassenen Rolladen beim Bumsen zu - hättest du eine Waffe dabei - du würdest sie benutzen - dreimal - für sie, für ihn und für dich selbst. Es zerreist dich innerlich - du schwörst dir, dass nie wieder jemand in der Position sein wird, dir so etwas anzutun. du stellst sie zur Rede - du beherrscht dich als er dir ins Gesicht sagt, dass du nie sein Freund warst, weil du das gar nicht wolltest - Gewalt ist nicht deine Sache ...

du flüchtest - fährst zum einzigen Freund, den du um diese Uhrzeit noch erreichen kannst und der ist abgefüllt bis obenhin - der ist nicht in der Lage mit dir zu reden - dich zu hören. du fährst zurück in dein Wohn-Klo, kramst alles an Medikamenten aus dem Schrank, was du finden kannst, häufst es vor dir auf und denkst - okay - fuck off!

Nach einigen Stunden stellst du fest, wie schwer es ist, diesen Schritt zu tun, tröstest dich über deine Schäche mit dem Gedanken hinweg, dass dein Sohn nicht ohne dich aufwachsen soll ... in Wirklichkeit hattest du aber nicht den Mut...

Freunde haben dir Psychopharmaka besorgt - schliesslich hattest du abgelehnt zum Arzt zu gehen - die nimmst du wochenlang. Dann gehst du doch zum Arzt, weil die Dumpfheit der Medikamente das alles zwar erträglich macht, aber das auch schon alles ist. Du kannst dich nicht mehr Tag für Tag ins Geschäft schleppen und dich von deinen Kollegen durchziehen lassen, damit du deinen Job auch in dieser Zeit behälst. Der Arzt rät dir, die Psychopharmaka weiter in hohen Dosen einzunehmen - auf dem Beipackzettel stand doch etwas von Abhängigkeit - und er verordnet dir ein gleich mal eine Hunderterpackung davon. du kommst zurück und nimmst den ganzen Chemiemüll und wirfst ihn ins Klo - legst dich drei volle Tage ins Bett und öffnest niemand. Danach ist alles irgendwie anders - es tut dir wieder weh - Beschäftigung und Besuche deiner Freunde helfen dir nicht - sie lenken dich ab - und das ist das einzige was geht ...

Der gelegentliche Alkoholkosum wird exzessiver, aus ab und zu weggehen wird nur noch zum Klamotten wechseln nach Hause - ein Gespräch mit deiner Frau ist nicht zu bekommen - dafür ist der erste Anrufer im Wohn-Klo der Anwalt deiner Frau, der dich über deine künftigen Pflichten aufklärt. Die ersten Besuchstage deines Sohnes sind schrecklich - er ist alt genug um zu bemerken, dass dir ständig die Tränen kommen - es ist abartig wenn sie ihn abholt und du bist wieder allein - das wird sich wohl nicht ändern - es ist Kommunion - du bist natürlich auch da - abgefüllt bis obenhin und du kannst trotzdem nicht mal annähernd suverän erscheinen. Während des Gottesdienstes verbrauchst du jedes Tempo das dir die Frau neben dir reicht - nein du willst ganz bestimmt nicht auf das Bild nach der Kirche - und du hast selbstverständlich keine Einladung zum anschliessenden Fest deines Sohnes ...

Dein bester Freund ist bei dir - ihr gebt euch die Kugel - deine Patentante hat dich zum Kaffee eingeladen - du vergisst das - ist besser so - du kennst das betretene Schweigen ja bereits. Nein - du meinst das nicht böse - im Gegenteil - was sollen sie denn auch anderes tun - das kann dir niemand abnehmen ...

Eines Abends bist du bei einer lieben Freundin eingeladen - ihr kennt euch seit über 10 Jahren - deine Frau war oft grundlos eifersüchtig - ihr hattet immer ein sehr besonderes Verhältnis zueinander - ihr sitzt da und redet - dein Körper kribbelt wie damals, als du dich als Kind in den Ameisenhaufen in Eurem grossen Garten gesetzt hattest. Aus diesem besonderen Verhältnis wird Zärtlichkeit - du lässt es einfach laufen und ihr stellt, jeder für sich fest, dass jeder vom anderen denkt: "Wir brauchen uns - vielleicht ja nur für kurze Zeit"

Keiner traut sich, seinen Gefühlen oder denen des Anderen so recht und ihr lebt getrennt, vereint und doch getrennt. ihr hofft und wünscht, ihr redet und weint, ihr lacht und knuddelt - ihr habt euch gefunden?! Sie fährt in Urlaub - bei der Buchung hat niemand an dich gedacht - logisch - du bringst sie zum Flughafen - und redest stundenlang auf Sie ein, dass Sie auch wirklich fliegt ...

Dann bist du allein - du sitzt in ihrer Wohnung und sie fehlt dir - du hast sie Fee getauft - hast jedem von ihr erzählt .. zwei lange Wochen zwischen Fax aus der Südsee und deinem Lieblingscafé - du vermisst sie und das tut tatsächlich weh ...

Heute ist die Scheidung längst gelaufen - ihr habt auf dem langen Flur des Amtsgerichtes Platz genommen. Ihr sasst nebeneinander wie Fremde - du mussest ihr drohen, weil sie dir kein geteiltes Sorgerecht zubilligen wollte - du hast ihr gesagt, dass du über jeden Löffel mit ihr streiten würdest und dass es dir egal sei was das kosten würde. Da sitzt sie also neben dir und redet kein Wort - was auch - schliesslich bist du ihr egal - vielleicht begreifst du das ja eines Tages - obwohl ich glaube nicht - zehn Jahre Ehe scheidet der Richter in weniger als sieben Minuten - du wirst später scherzhaft erzählen, dass das neuer deutscher Rekord ist ...

Nein - du wirst sicher nicht mehr heiraten - denn ... was bedeuten denn Worthülsen wie diese: "In guten wie in schlechten Zeiten" ...

... dass du dein Leben eines Tages mit Hilfe deiner Freunde und deiner Fee frisch aufbauen musst - dass sie dir die Kraft, die du nicht hast, wieder geben. Du hättest es allein niemals geschafft ...

Allein ... was für ein kleines unscheinbares Wort ...



   † ad noctem †
      Daywalker      04.02.1996



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