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gewidmet meinem Vater


[Die Szene]
Ein x-beliebiger Teil aus dem Reality-Programm eines x-beliebigen TV- Senders, im x-beliebigen Deutschland, zu einer x-beliebigen Tageszeit, unter Mitwirkung eines x-beliebigen Moderators ...

Kamera laüft - Spots an - Teleprompter läuft - Applaus - die Tür geht auf:

Hi Leute - mein Name ist Willi - ich bin 37 Jahre alt und ich habe weder Anstand noch Moral!

Willi geht zu dem roten Plüschsessel, der ihm zugewiesen wurde, nimmt Platz und wartet auf die erste x-beliebig vorgefertigte Frage des Moderators ...


[Moderator]
Zum besseren Verständnis für unser x-beliebiges Publikum definiere doch mal bitte die Begriffe "Anstand und Moral" so wie Du sie verstehst.


[Willi]
Anstand und Moral - das sind für mich immer besondere Werte gewesen - weil es für meinen Vater besondere Werte waren - weil er mich während meiner gesamten Erziehung immer wieder damit konfrontiert hat.

Sei es gewesen, weil "man" das oder jenes nicht tut, oder weil "man" das eben tut, weil es "alle" tun und "man" nicht aus der Reihe tanzen soll - solche Dinge verstand er eben unter Anstand und Moral. Und - ganz wichtig - lügen darf man nicht, soll man nicht und er würde mich für eine Lüge immer härter bestrafen, wie für die Wahrheit, so schlimm sie auch sei. "Man" glaubt seinem Vater - schliesslich ist es ja der Vater ...


[Moderator]
Gut Willi - das hört sich ja eigentlich ganz normal an - wann hast Du denn eine Veränderung bemerkt?


[Willi]
Richtig - als Kind - zumindest bis zu meinem 14. Lebensjahr - eher ein unauffälliges Mitglied dieser "Gesellschaft" und mein Vater schien relativ zufrieden zu sein. Die Vokabel "schien" wird von mir deshalb benutzt, weil ich mich an meine Kindheit so gut wie gar nicht erinnern kann Erinnerungen die mehr sind als blosse Stilleben, stammen fast ausnahmslos aus der Zeit, in der ich Anstand und Moral zu verlieren begann. Doch zurück zu unserem eigentlichen Thema.

Mit 14 Jahren wurden meine schulischen Leistungen immer schlechter, ich wurde nicht ver-setzt und ein Jahr später musste ich die Schule verlassen. Der Grund dafür war ebenso einfach wie schwerwiegend: Auf einer Party lernte ich meine erste Freundin kennen - das ist im Grunde ja nichts besonders - aber sie hatte für eine gute deutsche Familie nunmal nicht die richtige Hautfarbe - sie war schwarz.


[Moderator]
Oh ... ich kann mir gut vorstellen, dass Deine Eltern das zur damaligen Zeit - wann war das eigentlich?


[Willi]
Das war Ende 1973 ... und richtig vermutet - es war eine familiäre Katastrophe. Nachdem stundenlange Monologe - in der Hauptsache meines Vaters, da er nicht so schnell die Beherrschung verlor, wie beispielsweise meine Mutter - schliesslich macht "man" das ja als treusorgender Vater auch nicht - nicht auf das gewünschte Verständnis stiessen - woher denn auch - schliesslich hatte man mir nicht anerzogen, auf die Hautfarbe zu achten - wurde mir die damit, seitens meiner Eltern, verbundene Moral mit rigorosem Hausarrest versucht durchzusetzen. Diese Moralvorstellungen aber konnten mir damit nicht plausibel gemacht werden und ich begann mich mit dem Gedanken zu beschäftigen, wie ich mich darüber wohl am einfachsten und sichersten hinwegsetzen könnte. Es war plötzlich der unbändige Wunsch vorhanden, dieses eine Mal zu zeigen, dass ich keinesfalls bereit war, diese Vorstellung von Moral zu verinnerlichen.


[Moderator]
Ob das gut gehen konnte erfahren wir nach der Werbepause - bleiben Sie dran!


[Werbeblock on]
Lügen pur über Alkohol, über glückliche Hausfrauen die mehr auf ein Waschmittel als auf die Umwelt geben. Geschirrspüler die lautlos im Wald vor sich hinwaschen und nur 18 Liter kostbares Nass pro Waschgang benötigen. Präsentation des neuen Popel WegDa - wir haben verstanden - wird sich wohl kaum einer die Frage stellen: "Was haben die denn verstanden"
[Werbeblock off]


[Sender-Eigenwerbung on]
Wir präsentieren Ihnen in deutscher Erstaufführung den Katastrophenfilm: "Die Erde im Jahr 2013 - Drei Jahre danach" und im Anschluss daran das Festival der deutschen Volksmusik - live aus Südafrika - Moderation Karl Moik - ein Quell des Frohsinns für jung und alt.
[Eigenwerbung off]


[Nachrichtenticker on]
In Hintertupfingen wurde heute das Ehepaar Mayer vom zuständigen Gericht wegen fortgesetzter Kindesmisshandlung zu 4 Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Kandisbunzler Kohl zu einer kulinarischen Rundreise in Moskau eingetroffen.

Mehr dazu in unserer Sendung um 00:13 Uhr.
[Nachrichtenticker off]


[Präsentationsspot on]
Diese x-beliebige Realtiy-TV-Show wird Ihnen präsentiert von AMICO - der neuen Männerzeitschrift
[Präsentationsspot off]


[Moderator]
So meine Damen und Herren - hier sind wir wieder - schön dass Sie bei uns geblieben sind! Wir haben heute im Studio einen Mann, der von sich behauptet, er habe weder Anstand noch Moral und wir wollen wissen, wie es dazu kam ...


[Willi]
Sie haben richtig vermutet - das konnte nicht gut gehen, denn ich setzte ab sofort alles daran, meine Freundin so oft wie möglich zu sehen. Da ansonsten Hausarrest auf dem Plan stand, fing ich an dem Unterricht fernzubleiben, schwäntzte die Nachhilfestunden und so einiges mehr. Es dauerte genau drei Wochen bis das herauskam - mich wunderte sowieso dass es so lange dauerte und nach einem weiteren "Man-tut-sowas-nicht" Monolog stand die Entscheidung an, mich in ein Heim für schwererziehbare Kinder zu geben. Ich fragte mich damals immer wieder: Würde "man" das tun?


[Moderator]
Aber wie sie mir bereits erzählt haben, kam es dazu ja nicht oder?


[Willi]
Ganz recht - es kam dazu nicht, da meine Oma damals ein gutes Wort für mich einlegte. Die Beziehung zu meiner Freundin hielt dann auch nicht mehr sehr lange - wofür man natürlich in der Psychologie manigfaltige Erklärungen finden könnte.


[Moderator]
Das war aber keineswegs alles ...


[Willi]
Das war eigentlich nur der Anfang - denn im Laufe der nächsten Jahre stellte sich heraus, dass mein Vater meine Mutter mit ihrem Wissen bereits vor der Ehe betrogen hatte und mit dieser Frau seither auch zusammen war - immerhin seit über 20 Jahren - einee Leistung, auf die die beide sicherlich sehr stolz sein können... Mir wurde langsam aber sicher klar, dass hier wohl mit mindestens zweierlei Mass gemessen wird und dass die Lüge, über die mein Vater immer so abschätzend sprach, wohl ein Bestandteil des täglichen Lebens ist. Mit meinem Entschluss ihn direkt darauf anzusprechen erntete ich wenig Gegenliebe. Aus dieser Zeit stammt auch diese nachdenklichen Worte, die ich jetzt gerne mal in den Raum stellen würde:


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Direkt in die Augen geschaut
Angst gesehen

Direkt die Meinung gesagt
Ablehnung erfahren

Direkt angesprochen
kaum über die Mauer gesehen

Direkt Gefühle gezeigt
Entsetzen oder Erstaunen bemerkt

Warum?


[Moderator]
Nun - die Sendezeit läuft uns davon - wenn wir also jetzt zum eigentlichen Punkt kommen könnten ...


[Willi]
Gut - ich will nur noch ein paar Sätze sagen, damit die Zusammenhänge besser verständlich sind. Eines Tages, mein Bruder und ich hatten mittlerweile unser eigenes, selbstständiges Leben, beschloss meine Mutter sich scheiden zu lassen. Beide zogen aus dem Haus meines Grossvaters aus, was mir zum Vorteil gereichte, da ich dadurch endlich zu einer grösseren Wohnung kam, die mein Vater erbte, als meine Grosselterns unter tragischen Umständen verstarben. Im Laufe der Zeit entfremdeten mein Vater und ich uns zusehens, nicht nur weil seine "neue" Frau sich beim versehentlichen Biss in die eigene Zunge vergiften würde, sondern unser Verständnis für eine Beziehung ausserhalb des typischen Vater-Sohn-Reigens war ein anderes.


[Moderator]
Wie äusserte sich das denn?


[Willi]
Eigentlich ist es ja lächerlich aber ich will es trotzdem kurz anreissen - damals wohnte ich bei meinem Vater in Miete - er gut versorgt im Haus der neuen Frau - in guten Zeiten sollte ich, so erwähnte er es zumindest gesprächsweise, diese Wohnung einmal erben, dann ein wenig später erhöhte er mir die Miete mit dem Hinweis, dass er ansonsten meiner Mutter, die nie viel Geld verdient hat(te), den Unterhalt nicht mehr zahlen könnte. Dann verkaufte er das Haus und kündigte mir die Wohnung mit Einschreiben/Rückschein, wie "man" das eben tut und da sich meine Frau zu dieser Zeit gerade einen neuen Lebensabschnittspartner gesucht hatte, stand ich im Prinzip auf der Strasse. Als ich neuen Wohnraum gefunden hatte, rief ich meinen Vater an, um ihm die neue Adresse seines Sohnes mitzuteilen - schlieálich tut "man" das und das Telefonat kostete gerade eben mal eine Einheit und hatte folgenden Inhalt:

Hallo - ich wollte Dir meine neue Adresse mitteilen. Gut. Ich wohne jetzt ... Danke für Deinen Anruf.

Ich würde behaupten, er hat sie nichteinmal mitgeschrieben ...


[Moderator]
Das aber ist Tausenden vor Dir auch passiert - was ist jetzt das Besondere daran?


[Willi]
Zwei Jahre danach - gerade vor ein paar Monaten - flatterte meiner Mutter ein Schreiben eines Rechtsanwaltes ins Haus, in dem stand, dass mein Vater nun in Rente ginge, weil er durch Krankheit erwerbsunfähig geworden sei - seine Firma hatte zugemacht und sein Hang zum Hypochonder war schon immer sehr ausgeprägt - ich sage da immer - wenn er so alt wird, wie er klagt, dann wird er mich Jahrzehnte überleben - und seine Rente liege knapp unter dem Sozialhilfesatz. Darum lies er meine Mutter auffordern, mit sofortiger Wirkung ein Dokument zu unterschreiben, in dem sie auf ihren Unterhaltsanspruch verzichten sollte. Kein Wort von den 400.000,-- DM die mein Vater für den Verkauf des Hauses vor zwei Jahren erhalten hatte - kein Wort von der Abfindung in Höhe von 56.000 DM, die er kurz zuvor erhalten hatte.

Ich riet meiner Mutter, zu der ich mittlerweile wieder ein besseres Verhältnis habe, dies in keinem Falle zu unterschreiben. Es kam 14 Tage später ein zweites Schreiben dieses Anwaltes, mit gleichem Inhalt und der Androhung einer Unterlassungsklage wenn sie nicht unterschreiben würde. Mittlerweile hatte ich in Erfahrung gebracht, dass es sich bei diesem Anwalt um einen der Besten seines Faches handelte - die sind ja in aller Regel auch recht günstig ...

Meine Mutter machte also einen Termin bei ihrem Anwalt aus und dieser erklärte uns, dass die deutsche Rechtsprechung mal so und mal so entscheiden würde. Er würde aber generell ebenfalls unsere Meinung teilen, dass Zinseinkünfte aus einem Betrag von 456.000,-- DM keinesfalls "peanuts" seien und unter Umständen schon zur Berechnung des Unterhalt4es herausgezogen werden müssten und ich erklärte mich bereit, im Falle einer Zulassung der Klage die Gerichtskosten zu übernehmen. Der gegnerische Anwalt war selbstverständlich nicht dieser Meinung und so kam das Ganze vor Gericht. Im Vorverfahren legte die Familienrichterin klar, dass sie sehr wahrscheinlich die Klage meines Vaters auf Unterlassung abweisen würde - das endgültige Urteil ergeht erst in ein paar Tagen.


[Moderator]
Um welche Beträge, was den zu zahlenden Unterhalt betrifft, geht es denn da eigentlich?


[Willi]
Nun - meine Mutter bezieht eine Altersrente in Höhe von 1140,-- DM ...


[Moderator]
Das ist ja nun nicht gerade viel ...


[Willi]
Richtig - und es geht des weiteren um eine Unterhaltszahlung von 450,-- DM monatlich, die mein Vater laut Scheidungsurteil zu zahlen hätte.


[Moderator]
Das ist ein Betrag von 5.400,-- DM jährlich - diesen Betrag könnte man doch aus den Zinseinkünften, das sind überschlägig mal eben über 20.000,-- DM je Jahr, leicht finanzieren!


[Willi]
Ebenfalls richtig und so sage ich mir: Ich habe weder Anstand noch Moral, denn ich hätte niemals so gehandelt und mein Vater, der ja nach seiner Auffassung Moral und Anstand hat, handelt so ...


[Moderator]
Wir alle hier hoffen, dass diese Klage abgewiesen wird - vielleicht ja nur, damit Du Deine Definition von Anstand und Moral neu überdenken musst ... Vielen Dank dass Du da warst!


[Applaus - seltsam oder?]


[Moderator]
Nach der Werbepause haben wir jemanden im Studio der von sich sagt: Ich habe ...

Ende ...



   † ad noctem †
      Daywalker      19.05.1997



Borderliner

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