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Zum besseren Verständnis:
Willi - temporärer Held diverser Geschichten, die das Leben schrieb, einige davon wurden sogar veröffentlicht, ist 37 Jahre alt, geschieden, unterhaltszahlender Vater, lebt seit 28 Monaten in "wilder" Ehe mit seiner Traumfrau und ist, nach fester Überzeugung seiner Eltern, das schwarze Schaf der Familie mit allen Attributen wie etwa: provokant, exzentrisch, direkt, ehrlich, etc. - und - er geniesst es mensch vor Augen zu führen, dass es auch noch andere gibt, die nicht in der breiten Masse mitschwimmen und ihre Fahne jeden Tag neu ausrichten, nachdem sie die geprüft haben, woher der Wind heute kommt ...


Die Geschichte:
Es war wiedereinmal Zeit für ein neues Abenteuer dachte sich unser Freund Willi eines Tages - eigentlich hatte er ja gerade eines hinter sich gebracht - wenn auch das Wort Abenteuer sicher nicht der richtige Ausdruck dafür ist, wenn man erkennt, dass Menschen, die man jahrelang als Freunde bezeichnet hat, diese Vokabel gar nicht verdienen ... Aber davon ein anderes Mal mehr ...

Highbeam - ein guter Freund von Willi hatte die Idee geboren, sich eine Glatze zu schneiden - dadurch animiert hat sich auch Willi seine Gedanken gemacht - er wollte schonimmer mal wissen, ob ihm ein sogenannter Irokesenschnitt stehen würde ... und so war recht schnell klar, dass der anstehende Urlaub eine willkommene Gelegenheit werden würde, das auch zu testen.

Damals nach seiner Scheidung hatte sich Willi - einst Anhänger der Langhaarkultur :-) - da fällt ihm immer wieder seine Lieblingsoma ein, die ihm immer wieder sagte: "Junge - ich will sehen, ob ich das noch erlebe, dass Du Dir mal die Haare vernüftig schneiden lässt" - leider hat sie es nach ihrem tragischen Tod nicht mehr erlebt - aber Willi ist sich sicher, dass sie es heute weiss ... auf alle Fälle - Willi hatte sich damals die Haare auf radikale 3 Millimeter gekürzt und hatte für Aufsehen gesorgt - das kann man nicht anders sagen, denn ... - die Verwandtschaft war entsetzt (warum eigentlich - die wollten doch immer, dass Willi sich anständig die Haare schneiden sollte)

- seine Ex-Ehefrau (Originalton: "Wie kann man nur ...")
- sein Sohn (Originalton: Kaktuskopf)
- seine Traumfrau (fand es anfänglich mit 6 Millimeter deutlich besser)
- die Gesellschaft, die ihm nette Erlebnisse, wie dieses bescherte:

Willis Lieblingsfarbe [auch wenn es keine Farbe ist :-)] ist schwarz knöchelhohe schwarze Turnschuhe (ähnlich Springerstiefeln) und 3 mm kurze Haare, 9 beringte Finger etc. sorgen in aller Regel schonmal dafür, dass der Passant, der nichts von Augen-Blicken hält oder es gar nicht kann, Willi als NeoNazi einstuft. So wird beispielsweise Willis Sohn (11) von Frauen mittleren Alters gerne mitleidvoll angesehen - frei nach dem Motto: "Armes Kind wer so einen Vater hat" ...


Willis Hochhausstadtrandsiedlung verfügt über riessige abschliessbare Müllcontainer, die fernab des Hauses stehen. Also trägt man seinen (getrennten) Müll irgendwann in grossen Mengen Richtung Müllcontainer. In Willis Falle ist das immer ein ausgedienter Wäschekorb - lässt sich bequem tragen ...

Am Container angekommen, den Korb zwischen Container und Oberschenkel ein geklemmt, macht sich Willi am Schloss zu schaffen. Endlich offen das Teil und Willi setzt gerade an, den Inhalt des Korbes hineinzuschütten, als jemand am seinem rechten Arm rüttelt. Neben ihm (W) steht ein alter Mann (OM), nicht sehr gross und es entsteht folgender Dialog:

OM: Was ist denn in dem Korb drin?

W: Müll - was sonst!

OM: So wie Du aussiehst, ist da bestimmt Sprengstoff drin! Zeig mal her!

W: Das geht Sie nichts an

OM: Da ist bestimmt Sprengstoff drin!

W: Alter Mann - es gibt zwei Möglichkeiten, Du lässt mich sofort los oder ...

Weiter kommt Willi nicht. Vom oberen Fussweg her hört er schnelle Schritte und ein Mädchen kommt über die Strasse gerannt. Mit den Worten: "Opa, Du weisst doch, dass Du nicht allein aus dem Haus gehen darfst!" hängt sie ihren Opa ein und bringt ihn nach Hause ...


Das als kleines Zwischenspiel um Willis Hang, sich die Angewohnheit von mensch zu nutze zu machen, nach dem ersten äusseren Eindruck sofort eine Schublade zu öffnen und das "gesehene" dort reinzupressen, zu verdeutlichen.

Allerdings wollen wir nicht verheimlichen, dass auch Willi so seine Bedenken hatte, was den Irokesenschnitt anbelangt - denn - und das war das einzig Wichtige dabei - am Tage nach der Aktion kamen die Kinder aus den Ferien zurück und Willi machte sich Sorgen, dass es seinem Sohn peinlich sein könnte, wenn sein Alter ihn so vom Bus abholen würde.

Die Lust auf das Abenteuer siegte letztendlich und so war es am vergangenen Freitag dann soweit. Highbeam machte seine Sache hervorragend - die Klinge auf dem Kopf verursachte beim Scheiden der Haare hässliche Geräusche zumindest für empfindliche Personen ;-) - und nach ca. 30 Minuten stand Willi vor dem Spiegel und ein spontanes "geil" kam über seine Lippen.

Nebenbei gesagt - es ist komischerweise ein sehr fremdes Gefühl, sich über die kahle weiche Kopfhaut zu fahren - so ganz anders der Eindruck der im Gegensatz zur Haut an einer beliebig anderen Körperstelle ...

Willis Fee (so nennt er seine Traumfrau übrigens) gefiehl das veränderte Aussehen gut - Willi war beruhigt - nicht nur deswegen, weil seine Fee ihm bei solchen Ideen keine Steine in den Weg legt, sondern weil es ihr echt gefiehl - es verursacht ihm nämlich kein gutes Gefühl, wenn dem nicht so wäre ... Also musste das ganze für die Nachwelt erhalten bleiben - Highbeam machte also einige Fotos ...

Zur weiteren Unterstreichung hatte Willi die Idee gehabt, sich von seinem besten Freund eine besondere Sonnenbrille auszuleihen - prädestiniert dazu auffällig zu wirken - eine Brille der Marke "Killer Loop" also - wem das nichts sagt: Aluminiumgestell, Gläser stark gewölbt, dunkel und unserer Vorstellung von Aliens nicht unähnlich ... Willi mit dieser Brille und dem Irokesenschnitt: GNADENLOS! Das dachte sich wohl auch seine Mutter, der Willi am Tag darauf zufällig begegnete - dem Herzinfarkt nahe :-)) Sie wird es nie lernen, dass ihr Sohn nicht "erwachsen" wird - wie sie das auszudrücken pflegt ...

Der Treffpunkt nach den Ferien für Kinder und Eltern war ein grosser Platz vor der Kirche in einem Vorort - Kleine-Leute-Siedlung (keinesfalls abwertend gemeint aber allemal sehr charakteristisch) - und dann stand er plötzlich da - zwischen all den Eltern mit seinem Irokesenschnitt, der "Killer Loop" und seinen schwarzen Klamotten. Leider ist Willi ohne seine "richtige" Brille blind wie ein Maulwurf und so liess er sich die Reaktionen von seiner Fee beschreiben. Tuscheln, Entsetzen ein Paar das vor sich hinlächelte - wechseln der Strassenseite oder Abkehr, wie der neue Ehemann seiner Ex-Frau ... die Reaktionen mit "richtiger" Brille waren übrigens lange nicht so schlimm, wie nach der Radikalkur vor fast drei Jahren. Willi hat das verwundert - sind die Leute mittlerweile noch stumpfer geworden oder einfach mehr gewohnt?

Aber ... da war Willi klar, dass das alles nix bringt, wenn er das selbst nicht sehen kann ... sehr schade ... und so hatte er eine weitere Idee sein Freund Sirius besitzt eine dieser neumodischen Electronic-Cameras - was also ist besser geeignet, einem "Blinden" das "Sehen" zu ermöglichen als Bilder von ihm zu machen - die sind übrigens genial geworden ;-) richtig - etwas anderes - "richtige" Gläser in einer solchen Sonnenbrille!

Da Highbeam die Vorlieben von Willi ja kennt, hatte er sich parallel beim Optiker seines Vertrauens schon erkundigt, ob man in Killer Loop Sonnenbrillen auch richtig "fette Gläser" einsetzen kann. Möglichkeit besteht - mal vorbeischauen - gesagt - getan. Als Willi den Laden betrat, dem freundlichen Optiker sein Anliegen vortrug, die Killer Loop absetzte und ihm dann seinen "Brillenpass" zeigte, schlug der die Hände vors Gesicht. "Ehrliche Antwort?" fragte er und nach dem Kopfnicken von Willi kam dann: "Das wird richtig schlecht aussehen - ich kann es aber gerne versuchen" Willi hatte sich das schon gedacht und seinen Traum innerlich abgeschrieben - ihm fiel ein, dass er in der Auslage letztes Jahr eine ähnliche Brille im Schweisser- Look gesehen hatte und sagenhafterweise erinnerte sich der Verkäufer an die Brille - sie wurde ihm nämlich aus der Auslage gestohlen wie das bei einer Brille für 700,-- DM leider üblich ist. Wegen des Schweisser-Looks kann man in dieser Brille auch Cola-Flaschen-Böden, wie manche scherzhaft Willis Gläser nenne, unterbringen - also bestellt - das Ergebnis bleibt noch einige Tage abzuwarten ...

Willi mit Fee und Kind waren danach noch in den Grossstadt-Einkaufsstrassen unterwegs - wegen starker Kopfschmerzen suchte Willi eine Apotheke in der Innenstadt auf, die als Szene-Apotheke bekannt ist, weil sich dort viele Drogensüchtige ihre Utensilien kaufen. Von der Unfreundlichkeit des Personals hatte Willi bereits gehört - Willi also rein in die Apotheke und stellt sich an den Tresen. Eine der anwesenden Damen schaut auf, sieht Willi, verzieht das Gesicht, schlurft ohne grosse Eile auf ihn zu und fragt: "Was wollen Sie?" Willi erwidert: "Schönen guten Tag - ich hätte gerne 10 xyz." Von einem auf den anderen Augenblick erhellt sich ihr Gesicht zu einem freundlichen Lächeln, dreht sich um und reicht Willi die Schachtel. "Darf's noch etwas sein?" "Nein das wars bereits" sagt Willi und bezahlt. Die Dame wünscht Willi noch einen schönen Tag ...

Am nächsten Tag in der Fussgängerzone einer kleiner Stadt sitzen Willi und die Kids auf den Treppen vor dem Kino - dem Sohn seiner Fee ist sein Aussehen einigermassen peinlich ... die Bedienung des angeschlossenen Strassencafés weist Willi in rüdem Ton darauf hin, dass er auf ihrem Weg von und zur Kneipe sitzen würde und dass das wohl nicht okay sei. Aus sicherem Abstand und ziemlich rüde - schliesslich hat man mit solchen Leuten ja so seine Erfahrungen ...

Im Kino plaziert sich eine grössere Gruppe Jugendlicher hinter Willi und seiner Familie - lautes Geschwätz etc. während der Vorschau und zu Beginn des Filmes - Willi dreht sich um, senkt die Stimme etwas und sagt: "Vielleicht ist jetzt Ruhe!" Muksmäuschen still wird es - während des ganzen Films - schliesslich hat man mit solchen Leuten ja so seine Erfahrungen ...

Man kann sich also bewusst bereits aus dem Aussehen resultierende und offensichtlich fest vorgegebene Annahmen zu nutze machen - interessant und armseelig zugleich!

Tja ... und nun - am 5. Tag nach dem Schnitt sind die Haare schon wieder so stark nachgewachsen, dass, würde man Willi den Iro auf 3 Millimeter zurückschneiden, alles wieder so wäre, wie immer ...

Aber seine Fee hatte bereits eine neue Idee - für den nächsten Urlaub Glatze und das anbringen eines schwarzen Zopfes am hinteren Teil des Schädels - kommt mit Sicherheit mindestens genauso gut ;-)



   † ad noctem †
      Daywalker      20.08.1997



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