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Es ist Samstag Mittag und Willi sitzt an seinem Schreibtisch, beide Arme aufgestützt und den Kopf drin liegend - stinksauer ... Wie kommts?

Alles fing damit an, dass Willi eine Idee hatte - dazu muss man wissen, dass Willi eine Art Technikfreak ist und das Wohn-Schlaf-Arbeitszimmer der Wohnung im Stadtrandhochhaussilo nur ca. 15 qm hat. Willi hatte also folgende Idee, die er, mangels Kenntnis und Fertigkeit wie folgt zu Papier brachte und einem ausgewählten Kreis zur Verfügung stellte:

## Nachricht am 23.09.97 archiviert

Ich hatte folgende Idee für die Lösung div. Unannehmlichkeiten im Bezug auf die Unterbringung versch. Mediengeräte in unserem recht kleinen Wohn-, Schlaf- Büroraum:

Bisher sind auf einem gekauften Holzregal folgende Dinge mehr oder weniger gut untergebracht:

TV 70 cm (Antennenkabel und zweimal Scart, 2 mal Lautsprecher für ext. Betrieb)
3 Videorecorder (Antennenkabel und je einmal Scart, einmal zusätzlich Scart zur Playstation und jeweils Cinchverbindung zum Verstärker)
Verstärker (Cinchkabel für alle angeschlossenen Geräte) - Boxenkabel
CD-Spieler (2 mal Chinch, da über Equalizer eingeschliffen)
25-fach CD-Wechsler (Cinch)
Cassettenrecorder (2 mal Cinch - Aufnahme/Wiedergabe)
Equalizer (2 mal Cinch)
Radiowecker (Wurfantenne)
Playstation (2 Controller & ca. 10 Spiele)
Premiere Decorder (2 mal Antennenkabel)
Videocassetten (für den täglichen Gebrauch - ca. 15 Stück) ca. 200 CDs in getrennten Regalen

Alle Geräte sind normaler Bauart - also kein Mini- oder Midi-Kram

Ich würde diese Dinge gerne etwas besser unterbringen, wobei das besser vor allem zwei Dinge verfolgt:

1.
Das widerliche Kabelgewirr incl. der Netzanschlüsse

2.
Bessere Belüftung der oft benutzen Geräte


Bestimmte Vorstellungen (theoretischer Natur) habe ich dazu bereits ;-)

1.
Das Regal soll aus Holz bestehen, das schwarz lackiert/gebeizt ist

2.
Als Träger des Regals hätte ich gerne weisse Steine, die nicht ewig bröseln, wenn man sie nur ansieht

3.
Da der jetzige Verstärker gegen einen Dolby-Surround-Receiver ausgetauscht wird, soll das Regal auch die Boxen aufnehmen können - also Center- und Frontlautsprecher ... die Rear-Lautsprecher sind bereits vorhanden und montiert.

4.
Die Sektion, in der die viel benutzen Geräte stehen, soll mit schalt- baren sehr leisen Lüftern versehen werden, die bei Bedarf zugeschaltet werden sollen.

5.
Die Kabel (das wie ich denke grösste Problem) sollen so unsichtbar wie möglich werden.

6.
Steckdosen sollen soweit technisch möglich fernbedienbar sein - ausreichend wäre es, wenn der Lüfter fernbedient und evtl. reguliert werden könnte.

7.
Alle vorhandenen Dinge sollen darin untergebracht werden.

Zur Planung stehen 1,50 cm in der Breite zur Verfügung - es darf auf keinen Fall tiefer sein, als die tiefste Einheit (tv), da sehr wenig Durchgangsraum zwischen Medien-Regal und Bett zur Verfügung steht.

Die Kosten sind mir im Verhältnis zum Erfolg der Aktion weitgehend egal ...

Was fällt Euch dazu ein? Egal ob eine Teil-Idee oder eine komplette Planung, die Durchführung (die nicht umsonst wäre) oder was auch immer - ich würde mich über eine Rückäusserung sehr freuen ;-)


Das war im September 1997 und es kamen auch einige Vorschläge mit denen man Teilprobleme hätte lösen können. Und ... es kam aber auch eine, für Willi, überwältigende Idee. Nach dieser Idee hätte man mit weissen Backsteinen und Aluminiumblechen, die zugeschnitten und gefalzt werden sollten, ein individuelles Regal gebaut, incl. Beleuchtung an Stellen, an denen es sinnvoll oder gut einfach nur gut gekommen wäre ... Willi war total begeistert, man traf sich, machte einen Plan, alles wurde ausgemessen, es wurde nochmals überlegt, beratschlagt und schliesslich war man sich einig - das würde geil werden. Geschätzte Kosten ca. 400,-- bis 500,-- DM ...

Unser Titelheld hat Ende November Geburtstag und veranstaltet jedes Jahr eine Art Kultfete - was man sich darunter vorzustellen hat, sei der Fantasie des Lesers überlassen - auf jeden Fall lädt Willi dazu alle seine Freunde ein ;-) So auch den Ideengeber für sein Medienregal, der mit seiner Frau zu den lieben Freunden von Willi zählt. Die beiden hatten nun für den Geburtstag von Willi die Idee, ihm einen seiner grössten Wünsche zu erfüllen - einen Geldspielautomaten. Gesagt - getan

Nun war man sich nicht sicher, ob Willi diesen Automaten nicht in sein Medienregal integrieren wollte und die Bestellung für die Bleche wurde etwas verzögert, um Willi nicht "einweihen" zu müssen.

Der grosse Tag kam, Willi hat es fast umgehauen, als er den Spielautomaten auspackte, was sich sicher jeder vorstellen kann ;-)

Willi traf seine Entscheidung - der Automat sollte doch in den Flur, dort war noch ein wenig Platz - es musste lediglich der Lichtschalter gegen eine Schalter-/Steckdosenkombination getauscht werden. Eigentlich ... aber es sollte alles ganz anders kommen ...

Nachdem als spätester Termin für die Montage des Medienregals die Woche vor Weihnachten festgesetzt war und die Berechnungen fertig waren, wurden 110 weisse Backsteine bestellt und am nächsten Tag sollten die Bleche bestellt werden. Dann kam die Nachricht, dass die Bleche, die für das Regal benötigt würden, auf ca. 1.200,-- DM kämen. Zwar hatte Willi ursprünglich gesagt, dass Geld keine Rolle spielt, wer aber nur knapp doppelt soviel verdient, wie ein paar Bleche kosten, der kann in diesem Falle nicht ja zu diesem Preis sagen. Sicher ... man hätte das auch aus Holz noch irgendwie zusammenbasteln können, allerdings hatte sich, so ist Willi eben, längst die geniale Idee des Blechregals in seinem Kopf festgesetzt. Willi hat die wohl "schlechte" Angewohnheit nach dem Motto zu leben und zu handeln: Alles oder nichts ... Sich mit aufbügelbarer Umleimung für die zugeschnittenen Bretter zu beschäftigen - dazu hatte Willi keine Lust. Also Schluss mit lustig - Traum gestrichen.

Dann war da noch der Automat, der im Wohn-Schlaf-Büroraum auf dem Boden stand. Der sollte heute endlich im Flur montiert werden - eine Kombidose war besorgt - der Anschluss dieser Kombidose machte dem Bruder allerdings unerwartete Schwierigkeiten, mit zwei linken Händen und ohne grosse Geduld kann Willi das nicht nachvollziehen.

Als die Dose dann nach fast 3 Stunden funktionierte, stellten Beide fest, dass der Automat nicht einfach an Haken aufgehängt werden kann, sondern eine bestimmte Art der Befestigung braucht, die nicht vorhanden ist und auch nicht sofort besorgt werden konnte. Also blieb nichts anderes übrig, als den Automat auf eins der wenigen Möbelstücke zu stellen, die im Raum vorhanden sind. Dadurch entfällt natürlich zusätzlich einiges an Stellplatz und so wird eben alles in die Schubladen gestopft - Hauptsache es verschwindet von der Bildfläche.

Tja ... damit hat sich keiner von Willis Träumen erfüllt und zusätzlich sind die Kompromisse schlecht, die eingegangen wurden. Willi weiss schon, warum ihm Kompromisse zuwider sind ...

Aber jede Geschichte hat eine Moral - so auch diese - was also lernen wir daraus:

Materialkosten muss man vorher bestimmen - wären diese bekannt gewesen, hätte sich Willi diesen Traum erst gar nicht in den Kopf gesetzt. Willi muss also das nächste Mal einfach daran *selbst* denken - schliesslich hat er ja eine gewisse Mitverantwortung, auch oder gerade weil er die Erledigung in andere Hände legt. Und Willi muss auch daran denken, sich einen Automaten erstmal selbst anzusehen, bevor er jemanden bittet, ihn für ihn zu montieren und der es vorher nicht tut ...

Schlecht wenn man gewisse Fertigkeiten nicht selbst hat - und schlecht, wenn man sich nicht selbst kümmert und selbst ein wenig nachdenkt.

Willi ärgert sich masslos über sich selbst - er hätte gerne seine neue Digital-Kamera abgeholt, die ein Freund für ihn besorgt hat - aber dieser Kamera fehlt noch ein, für Willi wichtiges, Teil und so denkt er sich: "Heute will ich von halbfertigen Sachen nix mehr hören und sehen", hat seinen Engel angewiesen, das Telefon zu bedienen und ggfs. auszurichten, dass Willi keinen Bock hat, sich mit irgendwem zu unterhalten. Das Handy hat er ausgestellt und wird sich einige Zeit in sich zurückziehen, um seinen Zorn auf sich selbst zu besiegen - sehr zum Leidwesen seiner Familie - aber auch so können Wochenenden nunmal sein ...



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Willi hat die ganze Nacht wach gelegen und die Geschichte wollte nicht aus seinem Kopf. Sein Zorn war fliessend in eine Art Depression übergegangen - das kennt Willi noch von früher ...

In den langen Stunden hat er alle möglichen Varianten durchgespielt - nur so, denkt er, ist es möglich die Gedankenspirale zu durchbrechen und dafür zu sorgen, dass sie das nächste Mal erst gar nicht entsteht ...

So legt Willi am frühen Morgen, sein Engel, der ihm gestern sogar die Telefonate "erledigt" hat, räkelt sich gerade, fest, dass für seine Enttäuschung niemand etwas kann. Schon gar nicht all diejenigen, die er mit seinen Ideen bedrängt/beauftragt hat, obwohl diese Möglichkeit zunächst verlockend erschien - schliesslich haben die es versäumt, sich umfassend zu informieren, schoss es ihm gestern noch durch den Kopf. Blödsinn - denn wer ist denn dafür verantwortlich? Richtig - Willi ist dafür verantwortlich und sonst niemand ... okay ... okay ... verantwortlich ist nicht das richtige Wort - aber mitdenken sollte man schon. Überhaupt dann, wenn man sich eine Idee in den Kopf setzt und für sich selbst weiss, dass man keine Kompromisse oder dergleichen akzeptieren wird.

Willi sieht sich im Licht der schummrigen Beleuchtung "sein" Zimmer nochmals an, stellt für sich selbst fest, dass es so einfach zum kotzen aussieht, die Kombination Lichtschalter/Steckdose funktioniert nicht als Wechselschalter, aber nach über drei Stunden hat das wohl auch niemanden mehr interessiert.

Also denkt Willi sich: "Das siehst Du Dir jetzt solange an, bis es Dich dermassen ankotzt, dass Du selbst eine Idee hast und für deren Umsetzung auch selbst sorgen wirst und kannst." Eben als eine Art der Eigenmotivation - nur so gehts denkt sich Willi und steht auf, um seinem Engel einen heissen Cappucchino ans Bett zu bringen und in ihre süssen verschlafenen Augen zu sehen ...



   † ad noctem †
      Daywalker      13.12.1997



Borderliner

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