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Wieder einmal steht Weihnachten vor der Tür. Die Einkaufsstrassen der Städte sind reichlich geschmückt und laden die Menschen ein, Geschenke für ihre Lieben und ihre vermeintlichen Verpflichtungen zu erwerben. Am ersten langen Samstag sind dieser Aufforderung wieder viele hundert Einkaufswillige gefolgt, haben die Strassen, die Parkhäuser, Fussgängerzonen und natürlich den obligatorischen Weihnachtsmarkt überflutet. Willi sitzt in all dem Trubel neben einer Schaufensterpuppe in der Ecke eines grossen Kaufhauses für "trendy" Klamotten und sieht dem Wahnsinn der dort läuft mit einer gewissen Heiterkeit zu. Ihr werdet es kaum glauben, was sich dort für Schicksale abspielen ...

Girlies versuchen in überlautem Ton ihren Müttern klar zu machen, dass es überhaupt kein Problem ist, auch im Winter nabelfreie Tops zu tragen, ohne sich den Tod zu holen. Mit flinken, hektischen Fingern durchwühlt eine junge Frau mit sehr vielen Tüten in der anderen Hand noch schnell das Sonderangebot nach einer passenden Grösse und sieht dabei argwöhnisch ein paar Mal zu Willi herüber - vielleicht kann sie sich nicht so recht erklären, was Willi da so macht - "Spanner vielleicht" schiesst es Willi in den Kopf und er lächelt sie beim nächsten Mal einfach an. Tja ... gefiel ihr wohl nicht - sie verzieht das Gesicht und versucht ihr Glück woanders.

Nach 10 Minuten fliessen die ersten Tränen - ein kleines Kind hat in dem ganzen Trubel seine Mutter verloren und läuft greinend durch die Gänge - im letzten Moment, Willi ist schon hochgesprungen, sieht die Horde Girlies die Kleine doch noch und überrennt sie nicht. Da kommt auch schon die Mutter, reisst ihre Tochter hoch und schreit sie an ... Willi hat noch nie verstanden, wie man Kleinkinder auf solche Einkaufs-Horror-Touren mitschleppen kann ... nunja ... wahrscheinlich eher muss ...

Männer stehen eher gelangweilt an den Ständern, die ihre Frauen gerade durchkämmen - Willi sieht auch, dass das manche Frauen wohl auch eher automatisch denn zielgerichtet tun. Plötzlich wird es um Willi herum ein wenig hektisch - eine Frau mittleren Alters, ziemlich rundlich läuft direkt vor Willi herum - ihre Jacke streift ihn öfter. "Können Sie nicht woanders herumsitzen?" kommt auch schon die quäkende Stimme von oben und Willi macht als Grund aus, dass die Dame das Preisschild an der Jacke, die die Schaufensterpuppe trägt, nicht lesen kann. Willi rutscht ein wenig zur Seite - die Dame ist dann auch zufrieden. Eine junge Frau hält sich gerade ein Kleidungsstück an und betrachtet sich vor dem Spiegel - Willi nickt zustimmend und lächelt - gut dass der Laden so voll ist - sah verdächtig nach Ohrfeige aus ...

Die Bilder ziehen an Willi vorbei und er hängt dem Gedanken nach, was er eigentlich dieses Jahr an Weihnachten verschenken wird. Er erinnert sich daran, wie er gestern Nacht zappend vor dem TV lag und in seiner heiteren Stimmung auf eine Szene traf, die ihm sehr deutlich machte, dass das Leben von einem auf den anderen Augenblick einfach zünde sein kann. Da war von so viel Unerledigtem die Rede und Willi fielen spontan viele Menschen ein, denen er eigentlich auch noch etwas zu sagen hätte.

"Das ist es doch - Du schreibst jedem einen Brief - eine Art Weihnachtsgeschenk - nein - keine Art - ein Weihnachtsgeschenk!"

Als erstes fällt Willi sein Zahnarzt ein, der ihm vor mittlerweile zwei Jahren die letzten 11 Zähne gerettet und ihn mit vorzeigbaren und gut funktionierenden Prothesen ausgestattet hat, die bis heute relativ klaglos ihren Dienst tun. In Gedanken formuliert Willi also folgenden Brief:

"Sehr geehrter Dr. Zahn, vor mittlerweile 2 Jahren haben Sie und Ihr Dentalteam meinen Zahnersatz angefertigt. Die Qualität Ihrer Arbeit ist so gut, dass wir uns seither nicht mehr gesehen haben. Auf diesem Weg möchte ich mich sehr herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass ich sorglos, was immer mir in den Sinn kommt, essen kann. Das ist wirklich klasse! Ihnen, ihrer Familie und Ihrem Team wünsche ich ein besinnliches und ruhiges Weihnachtsfest."


Ohne weiter nachzudenken hat Willi gleich den zweiten Brief im Kopf - der geht diesmal an seine Lieblingstante, deren Mann (Willis Lieblingsonkel) Anfang des Jahres jung an Krebs gstorben ist.

"Liebe Tante,

ich bewundere Dich dafür, wie Du Dein Leben nach dem Tod Deines Mannes meisterst. Schon allein deswegen, weil ich, wäre das mir passiert, vielleicht aus Feigheit - ich nenne es aber Überzeugung - meinem Partner direkt gefolgt wäre. Du aber engagierst Dich - in Deiner lieben Art - für Deine Kinder und Verwandten und bist und bleibst mir der liebste Mensch aus unserer Familie. Dafür vielen Dank!

Das Weihnachtsfest ist für Dich sicher kein leichtes Fest - wir werden bei Dir sein - und sei es nur in Gedanken."


Während Willi diesen Brief "gedacht" hat, bauen sich parallel dazu noch viele weitere Briefe in seinem Kopf auf - manche davon kann er nicht festhalten, manche aber sind klar und bereits geschrieben - Willi braucht sie nur noch zu lesen ...

"Lieber Bingo,

Weihnachten wird auch für Dich ein schweres Fest - zum ersten Mal ohne Deine Familie - vor allem ohne Deine Kinder. Du wirst die strahlenden Kinderaugen beim aufreissen der Geschenke vermissen und vielleicht wirst Du über den Sinn des Ganzen, wie schon so oft, nachdenken - hoffentlich auch dieses Mal mit positivem Ergebnis. Ich kann Dir, vielleicht gerade weil ich es durch meine Scheidung ja selbst erlebt habe, keine Rat gegeben, wie Du das am besten meistern wirst - aber ich werde in Gedanken an diesem Abend auch bei Dir sein und wünsche Dir Kraft und offene Augen damit auch Dir das Wunder der Liebe begegnen kann."


Und nach dem krassen Eindruck bei einem Besuch seines besten Freundes kommt Willi auch dieser Brief in den Sinn ...

"Ach Babe,

1998 ist für Dich und Deine Kleine nun doch noch ein gutes Jahr geworden. Nachdem Du Deine Sucht in Substitution wandeln konntest bist Du endlich wieder der Alte - für mich und für alle, die mit Dir zu tun haben. Selbst bist Du glücklich darüber, wider erwarten, nochmals rausgekommen zu sein. Wir haben auf Dich gewartet - wir alle - und es hat sich gelohnt. Als ich neulich Abend bei Euch war, haben wir davon geschwärmt, was wir jetzt wieder alles unternehmen werden - legendär unsere Abende - Du erinnerst Dich sicher an den Weihnachtsabend, an dem wir in nur 2 Stunden mit den vielen Leuten einen Industrial-Version von "Jingle Bells" aufgenommen haben?! Dann verschwindest Du in die Küche und als ich nachkomme ziehst Du gerade ein wenig Schnee in die Pumpe für Dich und Deine Kleine und erklärst mir den Genuss, wenn man es tut ohne es zu brauchen. Aber ich verstehe Deine Erklärung nicht, denke nur, Deine Kleine nun auch schon per Nadel ... Schon ist sie wieder da - die Angst um Dich - um Euch ... Pass` Du auf Euch auf - handle verantwortlich - das kann kein anderer für Dich tun - auch ich nicht und das weisst Du ...

Ich liebe Dich mein Alter!"


Willi hat von den tiefen Gefühlen in sich am ganzen Körper Gänsehaut bekommen, reibt sich das Wasser aus den Augen und sieht sich um ... Ein Blick auf die Uhr - noch lange kein Ladenschluss - er nimmt den enormen Lärmpegel im Laden kurz wahr, bevor er wieder in Gedanken versinkt und sich erinnert ...

"Hi Guys,

ich kann nur schlecht zum Ausdruck bringen, wie ich die diesjährige Geburtstagsfete empfunden habe. Es ist wunderschön einen solchen Abend im Kreis seiner Freunde zu erleben. Die Mühe, die sich jeder gemacht hat, um mich und wohl auch alle anderen zu erfreuen - wie Udo mit seiner Uhr für blinde Beamte, Jim der meine beginnende Vorliebe für Garcian nicht vergessen hat, Dieter der sich um meine Haarpracht sorgt, Birgit und Stefan die mir einen Auftritt als Dracula mit blinkender Handyantenne "verschafft" haben, Oliver der mich zum ersten Menschen gemacht hat, der DVDs besitzt, aber noch keinen DVD-Player hat, der von-mir-gibts-keine-Geschenke-Stefan der den ich-esse-am-liebsten-Schnitzel-Willi zu einem besonderen Essen eingeladen hat, bevor ihn die Müdigkeit vehemend dahingerafft hat und last not least Ulrich ohne dessen Grafiktalent die Aktion "Abdul for president" niemals hätte funktionieren können. Es war, wie immer, ein rauschendes Fest und ich verspreche Euch, dass es im nächsten Jahr wieder heissen wird: "Legendary events - part V"

Vielen Dank dafür!"


Willi sortiert gerade seine Gedanken, als es jemand an seiner Jacke rüttelt - seine Frau ist wieder da, leider ohne Tüte des Ladens, denn ein Girly hat den letzten Mini in ihrer Grösse gekauft.

Auf dem Weg nach draussen denkt sich Willi ... wäre es nicht wunderschön, wenn alle Menschen zum "Fest der Liebe" ihrer Gefühle bewusst wären und sie - vielleicht sogar auf diese Art - zum Ausdruck bringen würden? Wäre das nicht um vieles schöner und reicher als der neue Mantel, der neue PC das neue irgendwas ...


Euch allen da draussen wünsche ich mit dieser Geschichte zu Weihnachten Gefühle, Ruhe und Frieden für Euch und Eure Familien ;-)



   † ad noctem †
      Daywalker      29.11.1998



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