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" ... ich glaube es wird Zeit, dass Sie den Alterungsprozess annehmen ..." sagte Willi's Hausarzt neulich morgens ...

Willi hatte mit dem Unvermeidlichen gerechnet, wollte es aber eigentlich nicht hören. Er versuchte seit einiger Zeit zu ignorieren, dass ihm sein Körper - besser gesagt - Teile davon nicht mehr so recht gehorchen wollen. Insbesondere das, sich ständig verändernde, Sehen des rechten Auges - würden beide Augen solche Trugbilder abliefern, würde Willi lieber nichts mehr sehen wollen - bereitet ihm Sorgen. Und irgendwie - nennen wir es zweckdienlichen Pessimismus - glaubt er auch nicht, dass der kurzfristig angesetzte Termin in einer Spezialeinrichtung das gewünschte Ergebnis bringen wird.

Willi sitzt da und sieht durch das nikotinverklebte Fenster des Cafés um die Ecke auf die Fußgängerzone. Der Versuch sich damit zu trösten, dass hinter jedem Gesicht - jedem Menschen - ein eigenes, vielleicht noch viel schlimmeres Schicksal steckt, misslingt - wieder einmal ...

"Früher wurden die Menschen nur Mitte Vierzig und heute werden sie wesentlich älter - ein Erfolg der hochentwickelten Medizin"

Eigentlich stimmt das ja, denkt sich Willi. Früher wäre er aufgrund seines Magenleidens irgendwann an Speiseröhrenkrebs gestorben - heute gibt es dafür ein hochwirksames Medikament, das in einer verschwindend kleinen Anzahl von Fällen, aufgrund der Wirkungsweise Hefepilzbildung mit ziemlich üblen Beschwerden auslöst. Dagegen wiederum gibt es ein anderes Medikament, das diese Pilze in die Schranken weist - mehr schlecht als recht. Gleichzeitig wird die Vitaminaufnahme was resorbierte Vitamine betrifft gehemmt und es bedarf zusätzlicher Vitaminspritzen, um den Mangel und seine Folgen auszugleichen. Eine Spirale ... und drin bewegt sich ein Mensch, der "Gott sei Dank" in seinem Leben nur zweimal wirklich schwer krank war.

Immer öfter in Gesprächen mit Freunden sind Krankheiten ein Thema - man spricht über eigene Leiden, über die von engen Freunden und/oder der Familie ... ja über den Tod, der mit steigendem Alter immer gegenwärtiger wird. Da kommt es schon mal vor, dass man(n) nachts im Bett liegt und nicht schlafen kann, weil plötzlich Todesangst die Gedanken quält.

Willi lächelt, als er daran denkt, wie oft er in der Jugend diese Gedanken mit einer flapsigen Bemerkung vom Tisch gewischt hat. Auch heute tut er das gelegentlich - aber ehrlich gesprochen, fehlt ihm meist dazu die nötige Überzeugungskraft. Auch wenn er mit lacht, wenn Freunde ihm erklären, dass er mit einer Augenklappe sicher "super" aussehen würde, so ist ihm eigentlich nicht danach zumute.

"... annehmen ..." ja - das fällt schwer! Warum eigentlich? Will man sich nicht eingestehen, dass das Alter und das bisherige Leben Tribut fordert? Oder ist es einfach nur Angst - Angst sich mit dem Unumgänglichen eines Tages beschäftigen zu müssen? Freunde sind gestorben und das Leben ging weiter - wenn man selbst eines Tages stirbt, wird das Leben ebenfalls weiter gehen ...

Willi sieht eine alte Frau gebeugt und langsam, zäh einen Fuß vor den anderen setzen und verharrt einen Moment in Bewunderung, bevor er sich einen Narren schimpft, der in Selbstmitleid ertrinkt. Er steht auf, bezahlt und geht hinaus in den Sonnenschein ...

... wie schön das doch sein kann ...



   † ad noctem †
      Daywalker      20.03.2002



Borderliner

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