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Gestern also war die "Stunde der Wahrheit" - im Fachjargon heißt das ganze Angiographie (Darstellung der Blutgefässe im Auge).

"Ganz einfache Untersuchung" hört Willi die Augenärztin sagen, die der, mit Vehemenz, vorgetragenen Sehstörung nun endlich auf den Grund gehen will. "Dauert rund 2 1/2 Stunden" - damit hatte sie sogar recht.

Kliniken strahlen für Willi grundsätzlich etwas "Unangenehmes" aus - das Großklinikum brilliert durch ein Labyrinth von Gängen, Stationen und Zuständigkeiten - beim Durchfragen scheint es, als wüssten die MitarbeiterInnen an den Leitstellen auch nur die ungefähre Richtung des Ziels.

Gefunden!
Formalien erledigt!
Warten auf die Erstuntersuchung!

"Hallo! Was haben Sie denn für Beschwerden?" "Das rechte Auge ist wegen der hohen Myopie (Kurzsichtigkeit) zusätzlich mit einer Kontaktlinse ausgestattet. Wenn ich nur durch das rechte Auge sehe, dann sieht das Bild so aus, als würde ich in der Mitte durch einen Wassertropfen sehen. Das Bild wird dabei horizontal und vertikal verzerrt und nicht korrekt ausgeleuchtet. Gleichzeitig wird der Bildmittelpunkt vergrößert, Linien verwandeln sich in Wellen-Linien und die Farben stimmen bei starker Lichteinstrahlung nicht - so wird Gelb zu Orange, Blau zu Grün, etc. pp. Außerdem ist nach Schließen des Auges für einige Momente ein schwarzer dickerer Strich zu sehen, der sich nicht bewegt. Meine Ärztin konnte keine Risse der Netzhaut finden, der Neurologe bestätigt eine beidseitig korrekte Sehnervleitungsgeschwindigkeit."

"Wir machen zunächst einen Sehtest" - dieser fällt aufgrund der hohen Myopie gepaart mit den Sehstörungen auf dem rechten Auge nicht besonders zufriedenstellend für den Arzt aus. "Gut - Sie erhalten jetzt ein Betäubungsmittel in beide Augen (whow das brennt vielleicht) und wir messen den Augeninnendruck." Gesagt - getan - das Ergebnis weicht offensichtlich nicht von der Norm ab. Dann erhält Willi zwei verschiedene Mittel zur Erweiterung der Pupillen und weist gleich darauf hin, dass seine Pupillen nur sehr träge reagieren und das sogenannte "Nachtropfen" erforderlich sein wird. Willi darf sich auf dem Flur zu den anderen atienten gesellen und ein wenig warten. An den Wänden des langen Gangs hängen Lehrtafeln über Augenerkrankungen (z.B. Tumorbildung) - gut dass durch die Tropfen bereits alles anfängt zu verschwimmen.

Es geht weiter - Willi hört eine Mitarbeiterin seinen Namen rufen und er eilt in das nächste Behandlungszimmer. Er wird auf die Risiken der beiden Untersuchungen (Fluoreszenz-Angiographie & Indocyanin-Grün-Angiographie) hingewiesen, unterschreibt seine Einwilligung und erhält ein Merkblatt, das auf schwerwiegende Nebenwirkungen und Komplikationen wie Kreislaufkollaps und Herzstillstand in 1-5 von 10.000 Fällen hinweist. "Wirst schon nicht dazu gehören" tröstet sich Willi im Moment der aufkommenden Angst. Die beiden Mitarbeiterinnen - eine davon wird gerade in die Untersuchungstechnik eingewiesen - sprechen tröstlicherweise darüber, dass alle erforderlichen Medikamente zur sofortigen Reaktion bei Komplikationen bereit liegen ...

Danach wird eine Kanüle für das Kontrastmittel gelegt - Willi weist darauf hin, dass sein Jammern gfs. ignoriert werden kann. "Das sind wir bei jungen Männern schon gewohnt" entgegnet eine der Beiden und lacht. Als die Kanüle im Arm steckt brennt das ziemlich - "Ist normal!" hört Willi bevor er "nachgetropft" wird, da sich die Pupillen noch nicht besonders geweitet haben. Wieder draussen auf dem Flur wird der nächste Patient (über 60 Jahre) ins Untersuchungszimmer gebeten - er wird Willi später auf Nachfrage mitteilen, dass die Kanüle auch im Arm eines älteren Mannes brennt.

Nachdem die Tropfen zur Erweiterung der Pupillen nun doch noch ihre Wirkung getan haben, wird Willi erneut ins Untersuchungszimmer gebeten. Zuerst werden einige Aufnahmen ohne Kontrastmittel angefertigt - eine schwierige Sache, da die Augen stark tränen und empfindlich auf das wirklich helle Licht reagieren. Die Mitarbeiterinnen sind ein wenig ungeduldig - verständlich - aber Willi lässt ja nicht mutwillig seine Augen tränen ...

Aber jetzt wird es ernst - die Spritze mit dem Kontrastmittel wird an die Kanüle angedockt und drückt selbstständig die Flüssigkeit in Willis Körper. Jetzt ist wenig Zeit, um die entsprechenden Untersuchungsbilder zu fertigen - Willi bekommt sofort ultrawüste Kopfschmerzen - es klappt im letzten Moment dann doch noch, die Bilderserie anzufertigen. Geschafft!

Willi wartet, nach Entnahme der Kanüle, im Flur auf die Präsentation des Resultats. Die lässt nicht lange auf sich warten. Der Professor sieht sich Willis Akte an und will ihm gerade erklären, was eine Angiographie ist, als er die bereits fertigen Bilder dieser Untersuchung im Anhang aufschlägt. Er spiegelt wortlos nochmals das rechte Auge, als dass nicht so recht klappen will (Tränen & Abwehrhaltung) fixiert er das Augenlid behend aber schmerzhaft mit einem entsprechenden Instrument.

Dann sieht er Willi an und erklärt, dass es sich um einen Abriss der Netzhaut des rechten Auges handelt, der auf der hohen Kurzsichtigkeit beruht. Dieser Abriss kann mittels Laser-Operation o.ä. nicht korrigiert werden - die gute Nachricht aber sei, dass das linke Auge nach heutigem Stand der Dinge noch weit davon entfernt ist, einen ähnlichen Schaden zu erfahren.

Besonders mitteilsam ist der Professor nicht - Willi fragt nach ein paar Details, die ihn interessieren und steht kurz darauf auf dem Flur. Nach dem Gang zur Toilette ist Willi auch klar, was es bedeutet, wenn das Informationsblatt von einer auffallenden Gelbfärbung des Urins spricht - neongelb ist dagegen quasi Kindergeburtstag ;-)

Willi tritt ins Freie und wird von grellen Lichtblitzen getroffen - in Wirklichkeit scheint eigentlich nur die Sonne - aber durch die künstliche Weitung der Pupillen ist es so als ob ihn mit Flutlicht anstrahlen würde. Er flüchtet zurück in die dunkel Halle und verbraucht das x-te Papiertaschentuch um abwischen der Tränen. Danach zückt er sein Handy um den Transfer Klinik - Wohnung zu initiieren und weist darauf hin, dass man ihn am Eingang abholen sollte, da seine Augen noch keine klaren Bilder liefern. "Eigentlich könnten die ihre Patienten darauf hinweisen, dass sie eine Sonnebrille mitbringen!" denkt sich Willi und bewegt sich erneut Richtung Sekretariat um diese Anregung - die gerne aufgenommen wurde - los zu werden.

Danach erst mal zum Klinik-Kiosk und eine Cola besorgen. Einfacher gesagt als getan, denn die Mitarbeiterin dort wartete wohl darauf, dass Willi - seine Umwelt liegt immer noch in Unschärfe - sie anspricht. Irgendwann tut sie es dann und sie besorgt Willi gerne die Dose als er ihr erklärt, warum er hier so regungslos rumsteht ...

Nach gut 30 Minuten gewöhnen sich Willis Augen an den Schatten vor der Klinik - von der Heimfahrt bzw. der Umgebung bekommt er nicht allzu viel mit - er hält die Augen besser geschlossen und versucht sich dabei vorzustellen, wie es wohl ist, plötzlich nichts mehr zu sehen. Auf jeden Fall steht er jetzt vor der Wahl, das rechte Auge auch weiterhin mit einer 4-Wochen-Tag-und-Nacht-Kontaktlinse zu versorgen und dann seine Umgebung in etwa so zu sehen, was durch die damit deutlich erhöhte Sehkraft sehr hinderlich ist oder aber die Kontaktlinse wegzulassen und dann in etwa so damit zu sehen. Zwar liefert dann nur das linke Auge ein korrektes Bild, aber der Gesamteindruck ist deutlich besser und der Fehler des rechten Auges fällt so gut wie nicht mehr auf. Vielleicht auch nur reiner Selbstbetrug - aber Willi entscheidet sich zunächst für die letzte Variante ...

Der Praxistest wird letzlich das Ergebnis liefern.



   † ad noctem †
      Daywalker      03.04.2002



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