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Veröffentlicht 2006 in der Anthology: Seelenfarben


Diese Geschichte möchte ich allen widmen, die vergessen haben, dass Weihnachten mehr ist als Hektik, Geschenke, Weihnachtsmarkt & Verpflichtungen. Mein besonderer Dank gilt allen, die mich erleben lassen, wie schön und friedlich Gesellschaft sein kann. Euch allen aber wünsche ich ein ruhiges und besinnliches XMAS 2002!


Borderliner



Es ist gegen 4 Uhr morgens ... Willi sitzt noch auf der schwarzen Ledercouch ...

Die Gäste sind bereits gegangen oder schlafen in den anderen Zimmern der kleinen Wohnung. Willi geht seit Stunden immer wieder ein Gedanke durch den Kopf, den er immer weiter spinnt ... Dieser Gedanke war ihm während eines Gespräches gekommen, dem er zugehört hatte. Es ging - jahreszeitenbedingt - natürlich um Weihnachten.

"Was machst Du denn dieses Jahr an Weihnachten?"

"Ach Weihnachten - wie mir das stinkt! Volle Städte, unfreundliche Leute, Hektik überall und alle sind tierisch genervt."

"Na wenigstens schenken wir uns dieses Jahr ..." Der Rest geht in lautem Gelächter unter, das drumherum ausgebrochen war - Willi sieht sich um und entdeckt lauter strahlende und freudige Gesichter. Alle amüsieren sich prächtig - die Stimmung ist ausgelassen - einfach wunderbar ...

An anderer Stelle hört Willi, dass die Weihnachtsfeiertage, die eigentlich ja zur Ruhe und Beschaulichkeit geradezu einladen, bereits komplett durchgeplant sind. "Ja" denkt er sich "wir wollen dieses Jahr eigentlich an "Heilig Abend" auch ein kleines Fest mit Freunden begehen - die aber haben zum Grossteil anderweitige Verpflichtungen - zumeist familiärer Art. "Jeder wie er mag ..." denkt Willi, findet es aber in diesem Augen-Blick recht unverständlich, dass die Verpflichtungen zu einem nicht unerheblichen Teil als lästig bzw. unangenehm empfunden werden und erinnert sich kurz an seine Kindheit, wo am 24. immer heile Welt gespielt wurde ... das liegt "Gott sei Dank" lange zurück und dennoch war es prägend!

"Weihnachten - das Fest der Liebe" lautet einer dieser "Alle-Jahre-Wieder-Slogans" doch ... verbirgt sich hinter diesen Worten eine Verpflichtung - wenn auch "nur" moralischer Art? Die Oma oder die Eltern zu besuchen - gut - kein Problem, wenn mensch seine Familie auch mag - wer aber von Verpflichtung redet, kann wohl kaum damit ein angenehmes Gefühl verbinden?!

Willi wendet sich von diesen Gedanken zunächst ab und lässt sich in die beschwingte Atmosphäre abgleiten, die um ihn herum immer wieder aufbrandet. "Wie einfach es ist fröhlich zu sein - und wie wenig es dazu eigentlich bedarf" denkt er sich, während er sich ein weiteres leckeres Brötchen belegt. Aus der Küche heraus kann Willi ins Esszimmer sehen, wo vier Freunde sitzen und sich gut unterhalten ... ein friedliches Bild ... "Ja ... Friede auf Erden ..." so heisst es doch ... schön das im Kleinen und ohne Weihnachtsdatum zu sehen und zu erleben - den Gedanken an die heutigen Nachrichten und die darin erwähnten Krisenherde dieser Welt verdrängt er dabei erfolgreich ...

Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer fällt sein Blick auf die schöne blaue Lichterkette und spontan kommt ihm die Idee, dass man damit allerliebst auch einen Weihnachtbaum beleuchten könnte ... "Weihnachtsbaum? Oh oh ..." denkt Willi und er wird sich gewahr, dass er, nach all den Jahren der "Verweigerung", in diesem Jahr stärker in dererlei Verpflichtungen eingebunden ist, als er sich das eigentlich eingestehen will ...

Es geht ins Wohnzimmer und lenkt sich fast automatisch ab - eine heisse Diskussion ist darüber im Gange, ob er wohl am nächsten Morgen von den Mädels zum "walking" zwangsrekrutiert werden könnte oder nicht ... aber hallo! Es sollte sich am nächsten Morgen herausstellen, dass die Mädels erst sehr spät aus den Federn wankten sleepy

Stunden des Lachens und der Heiterkeit später lichten sich langsam die Nebel (und das im wahrsten Sinne des Wortes!) - die Letzten brechen nach Hause auf - kurze Aufräumphase - dann kehrt Ruhe ein. Während Willis Frau schon seelig schlummert, raucht er noch seine Zigarette und lässt den Abend an sich vorüberziehen ...

Er sieht die vielen lachenden Gesichter - auch von den Freunden, denen es gerade nicht so gut geht - von denen die "neu" dabei waren und sich sichtlich amüsiert haben - daran, dass es wieder einmal möglich war, so viele unterschiedliche Menschen auf engem Raum friedlich zu versammeln und daran, dass die Gemeinschaft immer mehr an Wert gewinnt, je weniger sie vollzogen wird.

Fast hätte Willi laut aufgelacht, als er daran denkt, dass er "Heilig Abend" 1992 im Second Thoughts Studio dabei war, als die Anwesenden beschlossen "mal eben" eine Hardcore-Version von Jingle Bells" aufzunehmen und dass Willi das seither jede Weihnachten mit viel Anlagenpower (ob man ihn deshalb gelegentlich Subwoofer-Terrorist Subwoofer-Terrorist nennt?!) zum Besten gibt ...

Also was macht Weihnachten eigentlich aus - warum findet es gerade am 24.12. statt? Okay - christliches Fest - die Geburt Jesu, Frieden auf Erden ... aber Weihnachten bedeutet doch aber auch Ruhe, Besinnlichkeit und Miteinander?

Miteinander ...
lachen, freuen, weinen, sprechen, träumen und so vieles mehr - wie wenig wird miteinander gesprochen! Willi hatte am Rande einer Unterhaltung dazu vorhin gehört, dass statistisch gesehen Ehepaare, die schon ein paar Jahre verheiratet sind 7 ½ Minuten am Tag miteinander sprechen ... ungeahnt wenig ...

Während Willi die Zigarette in den, mit Sand gefüllten, Aschenbecher steckt, wird ihm klar, dass der heutige Abend eigentlich alle Attribute vorweisen kann, die für Weihnachten gelten ... und während er sich an seine weiche, warme Frau kuschelt, denkt er: "Egal ob christliches Fest oder nicht - gibt es einen Gott, so würde er sich sicher freuen, wenn mensch an einem solchen Tag wie heute an ihn denkt und sich seiner gewahr ist/wird mit all diesen schönen Gefühlen - sicher sogar eher als zu einem gequälten Familien-Essen an "Heilig Abend" - und mit dem Gedanken, dass für Willi



Weihnachten war, schläft er friedlich ein ...



   † ad noctem †
      Daywalker      29.11.2002



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