die blaue lampe

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gewidmet meinem besten Freund

Veröffentlicht 2006 in der Anthology: Nachtwelten


Willi erwacht ... draussen ist es noch stockfinster und ein Blick auf die Leuchtanzeige des Weckers zeigt, dass es erst 04:11 Uhr ist. Alles ist ruhig und Willi steht leise auf.

"Sogar die Knallerei zum Jahreswechsel ist verebbt und die letzten Partygäste haben wohl doch noch nach Hause gefunden" denkt er sich und schlurft langsam in die Küche.

Ihn fröstelt ein wenig ... das wird wohl der Nachtschweiss sein, denn es ist, nach wie vor, viel zu warm für diese Jahreszeit. Willi schliesst leise die Tür, tastet nach dem Schalter der kleinen Lampe über der Arbeitsplatte. Als die Lampe ihr warmes spärliches Licht spendet, denkt Willi daran, dass diese Lampe - oft gebraucht - in den fast sieben Jahren noch nicht ein einziges Mal defekt war. Er schaltet den Wasserkocher ein, nimmt eine Tasse aus dem Schrank und brüht sich einen Cappuccino auf ... zwei Stück Würfelzucker verschwinden in der Tasse - wie laut doch das Geräusch des Umrührens ist ...

. Aus der Macht der Gewohnheit heraus - eine schöne Umschreibung für Sucht - brennt die erste Zigarette. Willi inhaliert unter dem Zischen der Glut - welches sicher von den darin enthaltenen Brandbeschleunigern verursacht wird - tief und der Rauch vermischt sich mit dem, von der Kaffeetasse aufsteigenden, Dunst.

Willi sieht durch das Fenster auf den Nebel im Wald vor dem Haus und dabei fällt ihm eine alte Geschichte ein ...

Dermaleinst war Willi Mitglied einer Industrial-Band. Im Rahmen der Weiterentwicklung sollte zusätzliche Technik angeschafft werden. Während der Probe entbrannte zum wiederholten Male eine heftige Diskussion über die Finanzierung der geplanten Anschaffungen. Da Willi sich gerade zum stolzen Preis von 27.900 DM ein neues Auto gekauft hatte, teilte er mit, dass er auf absehbare Zeit pleite sei. Stefan fuhr ihn damals derb an und verstand trotz Willis Argumentation nicht (okay - echte Argumente für einen Wagen der Luxusklasse gab es nicht), warum Willi statt in die Band lieber in ein Auto investierte. Die Probe endete damals im Streit ...

Drei Jahre später musste Willi durch Scheidung in ein Ein-Zimmer-Wohn-Klo umziehen - Stefan sorgte im Hintergrund dafür, dass alle Freunde von Willi dabei waren - und als fast alles fertig war fragte Stefan nach dem Autoschlüssel von Willi, da er noch den ultimativen Einrichtungsgegenstand für die neue Wohnung besorgen wollte ...

Willi, der sein Auto eigentlich niemals verleiht, waren seine Grundsätze zu diesem Zeitpunkt verständlicherweise egal und Stefan zog mit dem Autoschlüssel ab. Einige Zeit später kam er zurück, schraubte in die schaltbare Deckenbeleuchtung eine blaue Kaltlichtlampe ein, schalte sie an und erklärte freudestrahlend, dass die Wohnung nun das "gewisse Etwas" habe. Dann kam er auf Willi zu, umarmte ihn und fragte ob er noch ein paar Runden mit dem Wagen drehen dürfte, da er jetzt, wo er den Wagen selbst gefahren habe, verstehen könnte, warum Willi damals sein Geld für den Wagen und nicht für die Neuanschaffungen der Band ausgegeben hat. Willi nickte mit Tränen in den Augen und Stefan zog vergnügt los ...

In drei Tagen organisiert Willi nun den Umzug von Stefan ... sicher der Grund an diese bewegende Szene zurückzudenken und während Willi merkt, dass ihm die Tränen in die Augen treten, stellt er die leere Kaffeetasse ins Spülbecken, löscht die Beleuchtung und legt sich wieder schlafen ...



   † ad noctem †
      Daywalker      01.01.2003/ Version 2.0 vom 01.08.2005



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