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Draussen ist es bitter kalt und Willi ist froh, mit wenigen Schritten sein Lieblings-Café erreicht zu haben. Die Inhaberin begrüsst ihn freundlich und auf die Frage: "Wie immer?" nickt Willi, greift sich die Zeitung und setzt sich auf seinen Stammplatz ans Fenster. Die Heizung neben ihm spendet wohlige Wärme und er legt erst mal den Kutschermantel, Schal, Handschuhe und Mütze ab und reibt seinen schmerzenden Rücken genüsslich an der Lehne der Bank ...

Ein wenig Smalltalk mit der Inhaberin später stippt er sein Croissant in den dampfenden Milchcafé und schlägt die Provinz-Zeitung auf. Ein wenig Nostalgie nennt Willi das immer, denn er hat in diesem Ort immerhin dreissig Jahre seines Lebens verbracht. Beim Durchblättern der letzten Seiten bleibt Willis Blick auf einer Todesanzeige hängen ... Der Pfarrer der Willi damals konfirmiert hat ist gestorben und die offiziellen kirchlichen Stellen rühmen sein Lebenswerk. Während Willi die Zeilen liest, fällt ihm ein, wie sehr er diesen Pfarrer einst gehasst hat und dass er eigentlich daran schuld ist, dass Willi dem christlichen Glauben schon sehr früh den Rücken gekehrt hat ...

Willi war im Konfirmationsunterricht immer motiviert dabei - erhielt für die 10-Fragen-Inhaltsangabe zum sonntäglichen Gottesdienst immer viel Lob - kurz gesagt - es machte Spass. Damals stellte er sogar Überlegungen an, Pfarrer zu werden ... Eines Tages dann stellte dieser Pfarrer dann in der Runde die Frage: "Warum wollt ihr konfirmiert werden und als die Reihe dann an Willi war, antwortete dieser ehrlich: "Wegen des Geldes!" Dass ein Pfarrer das nicht gerne hören mag, kann man sich ja vorstellen ... ja mehr noch - er erklärte kurzerhand, dass Willi den Unterricht sofort zu verlassen habe und dass er ihn nicht konfirmieren werde. Willi hielt es solange für einen Scherz, bis der Mann Gottes ihn anbrüllte, er solle sich erheben und verschwinden.

Willi konnte es nicht fassen - auf dem kurzen Heimweg ging ihm immer wieder ein Gedanke durch den Kopf: "Heisst es in den 10 Geboten nicht: Du sollst nicht lügen?" Als Willis Mutter fragte, warum er denn so früh zuhause sei, schilderte er den Ablauf kurz und erhielt dafür schlimme Prügel - schliesslich hatte es der missratene Sohn diesmal sogar geschafft, aus dem Konfirmationsunterricht rauszufliegen. Argumente oder die Frage, ob Lügen besser seien als die Wahrheit verschärften die Situation nur zusätzlich.

Am nächsten Abend klingelte es und der Herr Pfarrer stand vor der Tür. Willis Mutter bat ihn herein und bot ihm Platz im Wohnzimmer an. Er entschuldigte sich bei ihr für den Vorfall und Willi durfte ab sofort dann wieder den Konfirmationsunterricht besuchen ... bei Willi jedoch hat er sich nie entschuldigt, sondern wich Willi fortan aus ...

Immerhin hatte Willi so sehr früh gelernt, dass Lügen immer besser sind als die Wahrheit zu erzählen ... deshalb sieht Willi seither die Wahrheit als eines der grössten Güter der Menschen an. Schade nur, dass es so Wenige sind, die sich dessen bewusst sind ...

Willi klappt die Zeitung zu, bezahlt und geht. Als er über die Strasse geht, ruft jemand hinter ihm: "Ach - sind Sie auch Pfarrer?" Willi dreht sich um und auf der anderen Strassenseite steht ein älterer Mann, der ihn in der Folge in ein Gespräch verwickelt ... Mit dem Bild seines alten Pfarrers im Kopf überlegt sich Willi ob dies denn nun ein Zufall war ...



   † ad noctem †
      Daywalker      09.01.2003



Borderliner

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