Der Verweser - artwork by daywalker

Irgendwann das nächste Log: "Keine schöne Geschichte vom Tod"



Titel


Es ist exakt 12:08 Uhr - die letzte Zigarette mit tiefen Zügen in Rekordzeit in die Lungen gezogen - Packung in den Müll, den Inhalt des Aschenbechers gleich mit - das soll es gewesen sein! Utensilien werden demonstrativ eingemottet - Tabakbeutel gesäubert, Feuerzeuge aus den Hosen- und Manteltaschen entfernt ...

Nach fast genau 30 Jahren soll Schluss sein mit dem Rauchen - endgültig! Von 40 oder mehr Zigaretten am Tag auf Null ... soweit die Theorie ...

Klingt echt klasse, wenn er sich so im Spiegel betrachtet und zu sich sagt: "Hey Alter - Du pfeifst aus dem letzten Loch - solltest unbedingt damit aufhören!" und trotzdem schiebt er die Umsetzung immer und immer wieder auf - typisches Suchtverhalten - ohne jede Beschönigung. Schon vor vielen Wochen hat er die Nikotinpflaster in der Apotheke gekauft - die mit dem höchsten Nikotinanteil - eben für sehr starke Raucher - sie aber lieber wieder "weggepackt" um nicht sofort anfangen zu müssen. Wie leicht es ist, sich selbst zu betrügen ...

12:16 Uhr ist der Beipackzettel der Nikotinpflaster nochmals durchgelesen - sagen wir besser überflogen - liest sich ziemlich übel, denn da kommen Worte wie Herzinfarkt, Vergiftung, Schock, Allergie und Tod vor ... Also rauf auf den Arm mit dem Ding ... vorher noch dran gerochen - riecht richtig übel.. Allein diese Handlung hat etwas Endgültiges und sofort fühlt er sich gefangen ... Da hilft auch nicht der Gedanke an die Perversität jeden Monat viel Geld - in seinem Fall rund 180 Euro - dafür aufzuwenden, sich selbst so richtig fertig und krank zu machen. Aber wieso sollte der Gedanke auch jetzt helfen, wenn er es vorher schon nicht getan hat?

In der ersten Stunde fühlt er sich stark, zumal er ja auf die Krücke "Nikotinpflaster" vertraut. Der Arm erinnert mit einem recht starken Brennen daran und plötzlich merkt er, dass die Gedanken sich verselbstständigen. Urplötzlich ist der Gedanke an eine Zigarette übermächtig - im Beipackzettel steht dass nicht zusätzlich zum Pflaster geraucht werden darf. Aber selbst das in Aussicht gestellte Risiko verdrängt den Gedanken nicht - im Gegenteil - in der Spitze des Gedanken-Kreisels versucht er sich einzureden, dass das dort nur deshalb geschrieben steht, damit der rückfällige Raucher abgeschreckt wird.

Er beschliesst sich ein wenig hinzulegen und wie im Fiebertraum schläft er mit der Frage ein, warum er sich das eigentlich antut. Argumente wie Gesundheit, Puste, Kondition gelten genauso wenig, wie in Erinnerung gerufene Ekel-Bilder in Sachen Lungenkrebs oder Raucherbein.

Nach etwa einer Stunde wacht er wieder auf - nassgeschwitzt - und sein erster Gedanke gilt der Zigarette, die er sich normalerweise jetzt angesteckt hätte. Er beschliesst sich zu beschäftigen - sein Arm brennt mittlerweile höllisch. Eine köperliche Beschäftigung muss es sein - eine die ihn völlig in Anspruch nimmt, damit seine Gedanken abgelenkt werden. Putzeimer raus und los gehts ... aber es stellt sich keine Ablenkung ein - der Gedanken-Kreisel weitet sich immer weiter aus ... "einmal ziehen würde reichen ..."

Kommunikation soll helfen hatte er irgendwo gelesen - also kommuniziert er seine Entscheidung - wohl auch um den Druck auf sich selsbt ein wenig zu erhöhen - und tatsächlich fühlt er sich kurzfristig besser. Mittlerweile seit drei Stunden ohne Zigarette ... Das brennen unter dem Nikotinpflaster erinnert ihn jede Sekunde daran - Einbildung? Er sieht lieber nicht unter das Pflaster - er will es gar nicht wissen.

Raus und ablenken - er lädt sie zum Essen ein - auf der Fahrt merkt er, wie ihn die normalsten Vorgänge im Strassenverkehr abnerven und zwischendrin wieder der Gedankenkreisel - da ist kein Platz mehr für irgend etwas anders ... Er verflucht alle, die er auf die Schnelle dafür verantwortlich machen kann ... Die Regierung, die genauso wie die Industrie kräftig daran verdient, dass er nikotinsüchtig ist und ihm dann noch den volkswirtschaftlichen Schaden vorrechnet, den er anrichtet. Die Verlogenheit wenn die Tabaksteuer in sachten Stufen erhöht wird, damit der Raucher sich besser daran gewöhnt und ja nicht wirklich aufhört. Gefangen in diesen Gedanken steigt er aus dem Auto.

Sie ist noch nicht da - er ist sehr nervös - es regt ihn sogar auf, dass er warten muss - normalerweise hätte er sich jetzt eine Zigarette angebrannt und so etwas "zu tun" gehabt während er wartet. Oder er hätte sich einen Kaffee bestellt - aber auch damit ist die Zigarette für ihn unabdingbar verbunden. Also geht er schnell auf und ab wie ein Tiger im Käfig und wartet ...

Im Restaurant sitzend bietet sie ihm eine Zigarette an - er verneint - sie sieht ihn überrascht an, er krempelt seinen linken Ärmel hoch - er hatte diesen absichtlich gewählt - nicht so nah am Herzen ist vielleicht besser hat er sich dabei gedacht - und zeigt stolz sein Nikotinpflaster. Sie lächelt ihn an und sagt ihm, dass sie das richtig gut findet. Während der Unterhaltung steigt sein Gereiztheit stark an - es ist als würde er neben sich stehen und zusehen/zuhören - er hat für kurze Zeit das Gefühl sich abzuspalten - vielleicht um mit "dem da am Tisch" nix zu tun zu haben. Er giftet sie an - merkt es - entschuldigt sich - sie sieht in besorgt an - er erzählt ihr, dass der Arm mit dem Pflaster brennt und dass er gar nicht mehr weiss, warum er sich das Ding heute Mittag aufgeklebt hat.

Das Essen kommt - es schmeckt klasse und er schafft es sich einen Moment auf den tollen Geschmack zu konzentrieren ... er sagt ihr nach dem Essen, dass sie ruhig rauchen könnte, weil er ja doch irgendwann damit zu recht kommen müsse - sie versucht ihn abzulenken - seine Blicke sehen dem Rauch hinterher - dem Objekt seiner Begierde - täuscht er sich oder zieht er den Atem schärfer ein, um ein klein wenig Rauch in die Lunge zu bekommen?!

Unruhig rutscht er auf dem Stuhl hin und her - er drängt schnell darauf zu zahlen - sie fahren nach Hause - fast schon 6 Stunden ohne Zigarette - nachts raucht er ja auch nicht - denkt er sich, während das Gefühl neben sich zu stehen erneut und sehr mächtig einsetzt. "Verwirrtheitszustände" stand in der Liste der Nebenwirkungen - er sagt ihr, falls er "dummes Zeug" reden sollte, möge sie ihm das Pflaster runterreissen ...

Zuhause angekommen fällt sein Blick auf den Zigarettenautomaten an der Ecke - wie leicht wäre es jetzt doch, da einfach drei Euro reinzuwerfen und die Schachtel zu entnehmen - sie mit den gewohnten Handbewegungen aufzureissen und sich eine Kippe zwischen die Lippen zu stecken. Er geht vorbei - ein wenig traurig und denkt sich: "Schöne Prävention wenn einem die Dinger an jeder Strassenecke findet!"

Mails checken - beschäftigen - erste Glückwünsche zum Entschluss mit dem Rauchen aufzuhören treffen ein - normalerweise würde er jetzt gleich die Antworten verfassen - dabei würde er wieder wie ein Schlot rauchen und sich kein bißchen schlecht fühlen - sein Arm brennt und er beendet sein Mailprogramm lustlos ...

Richtig mies fühlt er sich - und er bemerkt keine Verbesserung so ohne Nikotinzufuhr und Verringerung seines Sauerstoffgehalts im Blut - ja wie auch in wenigen Stunden? Fast 7 Stunden ohne Zigarette ...

Er schaltet den Fernseher ein und versucht, sich auf die Nachrichten zu konzentrieren. Dabei fragt er sich, ob es einen wissenschaftlichen Hinderungsgrund gibt, warum es keine Pille/kein Medikament gibt, das der Raucher zur Entwöhnung einnehmen kann - schliesslich hat man auch das Methadon entwickelt, das den Heroinabhängigen die Sucht nach dem Suchtgift nimmt ... sein Arm brennt ...

Als der Cappuccino dampfend auf dem Tisch steht, hat seine Erregung einen kritischen Punkt erreicht - er reisst sich das Pflaster von der Haut - stellt fest, dass er eine Allergie ausgebildet hat - die Haut ist krebsrot und pustelig ... Das reicht ihm als Erklärung dafür, den Versuch aufzugeben. Er steht auf, zückt seinen Geldbeutel, öffent ihn und geht mit drei Euro in der Hand zum Zigarettenautomaten an der Ecke. Er hasst sich dafür - er bildet sich ein, dass sich der Schlitz des Automaten zu einem bösartigen Lächeln hinreissen lässt, als er davor steht und einen kurzen Moment innen hält, bevor der das Geld einwirft. Mit dem Druck auf die Marken-Taste enden fast 8 Stunden der Pein, die er sich selbst auferlegt hatte - in der irrigen Annahme auch nur im Entferntesten zu wissen, was Sucht wirklich bedeutet. Das allerdings hatte er heute sehr deutlich gelernt. Zwischen das Gefühl der Erleichterung und dem Schwindel, der sich beim tiefen ersten Zug breitmacht, mischt sich tiefes Entsetzen darüber wie anhängig er wirklich ist - nach dem weltweit legalen Suchtgift Nikotin ...

12.09.2003





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