Der Zahn der Zeit


Der Zahn der Zeit


Nicht nur kurz vor Weihnachten fährt Willi, meist mehr unbewusst, denn bewusst, durch die Strassen seiner Heimatstadt. Als er vor fast 9 Jahren dort weggezogen ist, hatte er sich über seine eigenen Tränen gewundert, als er mit der Abmeldebestätigung des Einwohnermeldeamtes auf den Marktplatz trat. Geblieben ist über all die Jahre die Sehnsucht nach dieser Stadt - seiner Heimat ... und so nimmt er wieder einmal die Gelegenheit wahr zu sehen, wie sich alles verändert hat - so als müsste er das wissen, um sich später einmal - ein Fixpunkt in der Zukunft - hier sofort wieder zurecht finden zu können.

Willi biegt in die Bahnhofstrasse ein - ausnahmsweise kommt ihm die Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h gelegen - so kann er sich immer mal wieder umsehen - der freie Parkplatz vor seiner alten Lieblingsbäckerei ist wie eine Einladung und so stellt er sein Auto dort ab - die Türen muss er hier auf dem Land nicht verschliessen - und geht hinein. Früher standen hinter dem schmalen Tresen immer zwei sehr rundliche Frauen - oft war bereits der Spass zu sehen, wie sie sich aneinander vorbei quälten, um die Wünsche der Kunden zu erfüllen, das warten in der langen Schlange wert. Ohne zu zögern bestellt Willi zwei der Brötchen, die er immer so gerne kaufte und stellte dabei fest, dass sich im Verkaufsraum eigentlich nichts verändert hatte - als ob die Zeit dort stehen geblieben wäre ...

Kaum war er eingestiegen, öffnet er auch schon die Papiertüte, steckt seine Nase hinein und der Geruch, der ausströmt, verspricht nicht nur Frische, sondern erinnert ihn ... er schliesst für einen Moment die Augen, beisst in das Sesambrötchen und sofort umspülen ihn Erinnerungen ... Wie er sich früher immer am Samstag Morgen auf diese Brötchen freute - zuletzt wohnte er ja nur um die Ecke - dass sie mit zarten Butter- und Erdbeermarmeladen-Aufstrich am besten schmeckten - wieviel er davon wohl schon gegessen hatte? Die Rezeptur scheint unverändert ... Die Verkäuferin sah Willi durch das Fenster der Auslage zu - er lächelte sie an - ihr Blick bleibt stumpf - und Willi dreht den Zündschlüssel ...

Eine Ecke weiter befindet sich der alte Fotoladen. Im vorbeifahren sieht Willi aus den Augenwinkeln heraus, dass die Gitter herunter gelassen sind. Er dreht und fährt zurück. Tatsächlich - die Auslagen, vor denen er in seiner Jugend immer lange gestanden und sich die Nase an der Scheibe plattgedrückt hat, sind leer - der Laden für immer geschlossen ... Hier hatte Willi seine ersten Schnappschussfilme abgegeben, die Geschenke für den weihnachtlichen Wunschzettel ausgesucht und später seine erste analoge Kamera - eine Minolta XG-1 - gekauft. Sein Taschengeld und das, was er sonst verdiente, hatte er eisern gespart, für ein Teleobjektiv, einen Winder und ein Stativ. Dann hatte er die Schwarz-Weiss-Photographie entdeckt, sich dort gebraucht die Utensilien für das eigene Fotolabor gekauft - wie oft war er stolz aus der Tür gelaufen - voller Freude, über das, was er gekauft hatte und voll des Lobes über die nette und kompetente Beratung. Willi entdeckte damals die Architektur-, Portrait- und Akt-Photographie für sich und während ein Lächeln über sein Gesicht huscht, erinnert er sich an das zittern seiner Hände als er den ersten Film mit Akten dort zur Entwicklung gab. Wieviel Mengen an Film- und Bildmaterial er damals wohl gekauft und verbraucht hat?

Als seine Ex-Frau damals in sein Leben trat und Willi ihr nicht verständlich machen konnte, dass Aktphotographie nichts mit sexuellen Kontakten zu tun hat, tauschte er seine gesamte Ausrüstung gegen seinen ersten Computer - einen Atari. Das hat er in seinem weiteren Leben oft bereut ... Nach vielen Jahren hat sich Willi wieder eine Kamera gekauft - eine kleine Digital-Kamera - mittlerweile ist sie einer professionelleren Digital-Kamera gewichen, die Willi im Internet bestellt hat. Dort war sie sehr viel günstiger als im Laden und Willi wird gewahr, dass so sicher auch er - unbewusst - zur Schliessung seines alten Fotoladens beigetragen hat ...

Das Klopfen an der Seitenscheibe holt Willi aus seinen Erinnerungen zurück - draussen steht ein Polizist - Willi betätigt den Fensterheber und sagt "Hallo!". Er wird darauf hingewiesen, dass hier Halteverbot ist - in der Stadt in der er jetzt wohnt, hätte man ihm zuerst das Ticket an die Scheibe geklemmt und ihn dann aufgefordert weiter zu fahren - hier reicht es, Einsehen zu zeigen ... So kann Willi ohne Ticket weiterfahren.

Willi parkt den Wagen in der Stadt und auf dem Weg zu "seinem" Café kommt er an der alten Kirche vorbei, in der er viele Jahre den Weihnachts-Abend verbracht hat. Mit 15 floh er erstmals vor der Unzufriedenheit der eigenen Eltern, die ihre schlechte Stimmung gerne an ihm und mit voller Macht ausliessen, am Weihnachtsabend nach draussen. Als er mit Tränen in den Augen durch die Strassen lief, kam er auch an der hell erleuchteten Kirche vorbei, die Wärme und Geborgenheit ausstrahlte. Damals überlegte er lange, ob er die Tür öffnen sollte - mit dem Glauben hatte er damals schon nichts mehr am Hut. Und während er noch überlegte, öffnete sich die Tür und der Pfarrer kam heraus. Willi kann fast noch die Hand auf seiner Schulter spüren, als der Pfarrer auf ihn zu kam und zu ihm sagte: "Komm doch herein!" So viele Menschen aller Altersklassen und sozialen Schichten, die an Weihnachten offenbar nicht wussten, wohin ... wie er selbst ... und die sich gegenseitig - bewusst oder unbewust - soviel Wärme und Geborgenheit spendeten ... Willi läuft eine Gänsehaut über den Rücken ...

In Café angekommen, nimmt er seinen Lieblingsplatz am Fenster ein, schaut nach draussen auf die hektischen Menschen und die Lichterketten, die ohne Schnee und Kälte einfach keine Stimmung verbreiten wollen und während er den ersten Schluck aus der Tasse nimmt, rätselt er, ob es Weihnachten vielleicht nur in der Erinnerung gibt?!


   † ad noctem †
      Daywalker      12.12.2003



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