citizen.x

Posttrauma Weihnachten


Er suchte nach einer Möglichkeit den posttraumatischen Weihnachts-Stress zu bewältigen und da er eh eine Verabredung mit Meister Lampe hatte, den herr.d ihm wärmstens empfohlen hatte, schob er den Schnee vom Auto und machte sich auf den beschwerlichen Weg in die Stadt.

Bei Meister Lampe angekommen, wurde klar, dass auch Professoren und Doktoren gelegentlich zum Zahnarzt müssen - anders war es nicht zu erklären, dass Prof. Dr. Heiermann und die Doktoren Hammer & Sichel vor ihm in die Behandlungsräume gerufen wurden. Das verschaffte Zeit um die neuen Klatschblätter durchzusehen und sich über die vielen bunten Bildern von mehr oder weniger attraktiven und/oder bekannten Menschen herzumachen - eines Tages, dermaleinst, würde ihm vielleicht etwas fehlen, wenn er nicht mehr bei seinen wöchentlichen Arzt-Besuchen, diese Meisterwerke der Medienkultur geniessen könnte ...

Mit 15 Minuten Verzögerung wurde er in den Königsstuhl gerufen - Meister Lampe begrüsste ihn freundlich, fragte nach Schmerzen - er verneinte wahrheitsgemäss - Meister Lampe allerdings sah mit geübtem Auge


gleich, dass etwas nicht stimmte und als der den silbrig glänzenden Hammer nahm und an den Zahn klopfte, vervollständigte citizen.x die Frage: "Und tut das ..." mit schmerzverzerrtem Gesicht " ... weh!" Medikametative Versorgung und einen weiteren Termin in 14 Tagen - sollte der Zahn ruhig bleiben.

Wenn er schon in der Nähe war, besuchte er im Anschluss, wegen etwaiger derber Probleme, noch schnell Dr. Schniedel.

"Wegen Überfüllung geschlossen!"

musste er an der Eingangstür in grossen roten Buchstaben lesen - er wartete geduldig vor der Tür und als sich diese öffnete und ein dunkel gekleideter Mann sich durch den Spalt nach draussen drückte, nahm er die Gelegenheit wahr und schlich sich fast lautlos in die Praxis. Plötzlich rief es aus der Menschenmenge: "Ich dachgte schon, ich würde sie dieses Jahr nicht mehr zu sehen bekommen!" - Dr. Schniedel hatte ihn entdeckt und nach ein paar kruden Scherzen über sein Befinden und über Toilettenartikel im Allgemeinen und im Speziellen, erhielt citizen.x einen Termin für Freitag Vormittag. "Es hat durchaus Vorteile bekannt zu sein - auch wenn dererlei Bekanntnheit auch seine Nachteile hatte" sinnierte citizen.x als er in den Hausflur trat ...

Die Stadt erwachte gerade zum Leben nach Weihnachten - der Einzelhandel beklagte ja einen Umsatzrückgang während des Weihnachtsgeschäftes um 1% gegenüber dem Vorjahr - und er beschloss, sich ins Café zu setzen - mitten im Einkaufsmekka der Stadt. Was ihm diese Konfrontation erleichterte war die Tatsache, dass er zu Weihnachten seinen ersten MP3-Player - nein nicht irgendeinen MP3-Player, sondern einen


bekommen hatte - ein wunderschönes Stück Technik und als er sich die Stöpsel ins Ohr setze, den Player auf "Shuffle" stellte, ihn verriegelte und schnellen Schrittes Richtung Innenstadt maschierte, dankte er ihr zum wiederholten Male dafür, dass ihn von nun an der Lärm der Aussenwelt nicht mehr wirklich erreichte. Im Café angekommen, bestellte er sich seine Morgen-Latte ;-)


und es dauerte auch nicht lange, bis sich die Gänge des Einkaufszentrums füllten - erst langsam und dann mit ständig steigender Frequenz. Innerhalb von 45 Minuten konnte man, die natürlich noch vorhandene Weihnachtdeko tat ihr Übriges, den Unterschied zwischen vor und anch Weihnachten nicht mehr erkennen. Er wiegte den Kopf im Takt der Musik und beobachte Enkel, die mit ihrem Grossvätern und einer grossen Tüte des Elektro-Fachmarkts, im Café Platz nahmen und nicht so recht wussten, was sie mit ihrem Opa reden sollten - genauso wie Frauen, die sehnsüchtig in die Auslagen des Juweliers starrten und dort wohl noch ihr Wunschgeschenk noch immer liegen sahen. Genervte Mütter mit quengelnden Kinder und Ehepaare, die seelig lächeln Hand in Hand durch die Massen schritten ... Die Dame hinter ihm hatte ihn wohl angesprochen - als keine Reaktion kam, zupfte sie an seinem Shirt. citizen.x nahm einen Stöpsel aus dem Ohr und blickte auf eine lächelnde Spanierin, die ihn bat das ultrahässliche rosa Cover von ihrem Handy zu lösen. Nach einigen erfolglosen Versuchen - die Farbe hatte sich sicher bereits mit dem Handy verschmolzen - gab er ihr das gute Stück zurück und dachte: "Selbst schuld!" während er sie anlächelte ...

Vor der Toilettentür prangte ein grosses, wer hätte es gedacht, rotes selbstgekritzeltes Schild:

"Nur für Gäste - öffentliche Toiletten am Heiner-Platz"

- er trat ein oder aus - je nachdem welche Wortwahl man benutzen will und machte sich anschliessend, mit dem gesicherten Wissen auf den Weg: "Nichts hatte sich während der Fest-Tage verändert!" auf den Weg zu seiner Verabredung ...




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